Eigentlich geben sie ein phantastisches Paar ab, die Bürgertochter Luise Miller im sanft um den Leib flatternden beigefarbenen Sommerkleidchen und der schwarz gewandete Adelsspross Ferdinand von Walter. Jung sind sie, hübsch anzuschauen, haben das Leben noch vor sich und die Leidenschaft in ihren Leibern. Da kann es schon mal passieren, dass man sich ungestüm ineinander verkrallt, einander ruppig die Kleider von den Körpern reißt und die Tapeten hochtobt. Liebe in den Zeiten der Hysterie.
Doch um sie, die Liebe und die Liebenden, herum hat Katja Haß im Deutschen Theater Berlin eine Begrenzung gesetzt, aus der es zunächst mal kein Entweichen gibt: einen unmöblierten Kasten kleinbürgerlichen Miefs, mit unzähligen Türen (selbst in der Decke), die irgendwohin führen, nur nicht in die Freiheit. Claudia Eisinger als Luise, ein Wesen, dessen Zerbrechlichkeit nur äußerlich erscheint, weiß das. Von Anbeginn sind ihre Gefühle tränenüberschwemmt und durchdrungen von der Gewissheit: Das kann nicht gut gehen.
Ole Lagerpusch hingegen, er spielt den Ferdinand mit enormem Kraftaufwand und allzu großer gestischer Verausgabung, will das nicht wahrhaben. Mit juvenilem Furor trachtet er danach, die Fesseln der Standesunterschiede zu sprengen. Je unausweichlicher das Schicksal seinen Lauf nimmt, desto drängender wird sein Verlangen, die bestehende Ordnung in den Orkus zu kippen. Richtet er anfänglich noch einen Miniaturdegen gegen seinen Vater, so greift er später zur Pistole, um dem Bubenstück ein Ende zu bereiten. Aber was will man ausrichten gegen die Willkür der Macht, ihren kühlkopfigen Zynismus.
Keiner könnte das nachhaltiger, spöttischer, ja grandioser verkörpern als Ulrich Matthes. Er ist der Marionettenspieler, der alle Fäden in der Hand hält. Und er spielt seine Überlegenheit mit einer Nonchalance aus, wie sie eben nur ein Ulrich Matthes ausspielen kann. Kalt, bohrend und durchsichtig wie ein Eisblock ist sein Blick, steinern sein Herz, machiavellistisch sein ganzes Dasein. Sogar des Präsidenten Schritte sind so ausgeklügelt wie ein perfekt funktionierendes Koordinatensystem. Den Mann kann scheinbar nichts anfechten.
Weder das Leben noch das Gefühl, das ihm von anderen schubkarrenweise vor die Seele gekippt wird. Wer herrschen will, teilt nicht, teilt nichts mit, unterwirft sich nicht irgendwelchen tumb-devoten Höflingsgefühlen, wie es der ins Chargieren verfallende Hofmarschall-Gockel von Kalb (Elias Arens) oder der hündisch lechzende Wurm (Alexander Khuon) tun, beschwört nicht des Schicksals göttliche Launen wie die kaputt-überdrehte Lady Milford (Liss Hagmeister), und vor allem rastet ein Souverän nicht so unkontrolliert aus wie Miller, den Matthias Neukirch als wahren Sanguiniker auf die Bretter bringt.
Stephan Kimmig, der dem Miller die Frau aus dem Text herausgestrichen hat, um die Vater-Tochter-Beziehung stärker zu fokussieren, wäre schlecht beraten, würde er in dieser deterministischen Weise drei Stunden verfahren. Und also bröckelt das Fundament, auf dem der Regisseur die Schauspieler wie Schachfiguren positioniert hat. Minute für Minute, Szene für Szene höhlt ein steter, psychologisch durchaus verfeinerter Tropfen das feste Gebilde, verfällt die Unantastbarkeit der Macht. Erst wackeln die Wände nur, dann streben sie auseinander, öffnet sich der Raum in Richtung auf die wahren Verhältnisse und liegen Nerven wie Seele der Protagonisten frei vor uns.
Das ist konsequent gedacht, dramaturgisch nachvollziehbar, hochkonzentriert, augenblicksweise virtuos gespielt. Und doch liegt auf diesem Regiekonzept irgendwie der Hauch der Verzweiflung darüber, wie man den weiland, anno 1784, politisch hochgradig brisanten Stoff in unsere Zeit transportieren könne; eine Zeit, die den sozialen Unterschied ganz und gar anders definiert.
Kimmig entscheidet sich dafür, dass er sich nicht entscheidet. Wohl deutet er die politische Implikation an. Aber er führt sie nicht aus und nicht zu Ende. Lieber kriecht er in die Seele all derer, die hier ins Unglück stürzen (nur die Mittel und Wege sind unterschiedlich), hinein und versucht dort ein Körnchen an Weisheit zu finden.
Am Ende findet er nur die Erkenntnis, dass Schiller stärker ist als er, sein Regisseur. Das ist deswegen besonders schade, weil Kimmig den Schluss fast leichtfertig verschenkt. Was wäre das für ein poetisches, sinnfälliges Bild gewesen: die beiden Sterbenden und dazwischen das Glas Limonade. Doch Kimmig folgt Schiller auf dem Fuß, sprich: in die triviale Wendung. Und zeigt nochmals den Vater und den Sohn: vereint in Schuld und Sühne.
Deutsches Theater Berlin: 11., 23. Februar, 3. März. www.deutschestheater.de