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Theater

15. März 2016

"Lola Blau" im Internationalen Theater: Lola Blau, diesmal sensationell

 Von Stefan Michalzik

Fantastisch: Sängerin Karina Schwarz mit Georg Kreislers viel gespieltem Solo im Internationalen Theater Frankfurt.

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Besonders gut besucht ist die Vorstellung nicht, dabei müsste der Abend ein Theaterrenner sein, diese Frau macht das ganz wunderbar. In seinem auf das Jahr 1971 zurückgehenden Stationenmusical „Heute Abend: Lola Blau“ erzählt der 2011 verstorbene, in seiner Heimatstadt Wien nicht mehr heimisch gewordene Remigrant Georg Kreisler die Lebensgeschichte einer „unpolitischen“ jüdischen Wiener Chansonsängerin, die nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland in die USA emigrieren muss, dort wird sie zum Star, einer Jugendliebe wegen kehrt sie auf dem Höhepunkt ihrer Popularität ins Nachkriegswien zurück.

In Inszenierungen x-fach hält sich dieses Eine-Frau-Stück auf den Bühnen. Der Ansatz des Abends mit der in Frankfurt lebenden deutsch-russischen Sängerin Karina Schwarz im Internationalen Theater Frankfurt ist bemerkenswert. Parallel zu der Entwicklungsgeschichte einer starken Frau entwirft die Regisseurin und Dramaturgin Christa Leiffheidt ein zeithistorisches Panorama; sie lässt Schlager der Zeit und jiddische Lieder zuspielen und sie zeigt dokumentarische Filmaufnahmen von Nazireden und schließlich von zerstörten Städten – sowie Bilder von Sängerinnen und Schauspielerinnen, die ihrer jüdischen Herkunft wegen von den Nazis vertrieben oder umgebracht worden sind. Schwarz trägt auch nicht auf Kreisler zurückgehende Songs wie „Mein Herr“ aus „Cabaret“ vor.

In einer nüchtern-suggestiven Art, vorbei an der Gefahr einer didaktisch motivierten Bilderflut gelingen Schwarz und Leiffheidt Momente des Erinnerns jenseits der Routine – in einem kontrapunktischen Verhältnis zu der noch angesichts von Hoffnungslosigkeit immer Leichtigkeit behauptenden, zitathaften musikalischen Vitalität Kreislers.

Markant stilisiert Schwarz die Lola in jedem Moment eines steten Wechsels der Stimmungen, Zeiten und Orte, immer mit einer gewissen Brechtschen Distanz – das entspricht Kreisler aufs Treffendste. Ihre Stimme ist an der Oper geschult, zuletzt hat sie in Frankfurt zum Ensemble gehört. Hier nun aber wahrt sie, zurückgenommen am Klavier begleitet von Michael Clark, den Rahmen eines schauspielerischen Singens, wohlwissend, dass ein opernhafter Habitus für die Lieder Kreislers tödlich wäre. Jede Geste, jede Regung im Gesicht – alles ist genau erwogen und in den Anschein der Selbstverständlichkeit überführt. Das weist himmelweit über eine sich selbst genügende Könnerschaft hinaus. Es ist sensationell, in einer leisen Art.

Internationales Theater Frankfurt: 20. März. www.internationales-theater.de

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