In die gewisse Euphorie, die sich derzeit um das Schauspiel Frankfurt ausbreitet und in Schwärmerei für das neue Ensemble sowie lange nicht mehr erlebten Engpässen bei den Eintrittskarten niederschlägt, kommt nun diese "Mutter Courage und ihre Kinder". Sie ist nüchtern bis ins Dröge. Sie ist konsequenter als ihr Autor Bertolt Brecht, der bei allem Willen zur politischen Bildung doch auch der auf Wirkung und eine Paraderolle für eine große Schauspielerin bedachte Theatermacher blieb.
Die Frankfurter "Courage" ist auf ihre Weise so konsequent, dass sie bereit ist, sich selbst damit zu schaden. Hier lodert kein Feuer und fließt kein Herzblut (sondern ein vernünftig bemessenes Kontingent Kunstblut). Hier wird möglichst klar und deutlich Brecht-Text gesprochen und undramatisch, wenngleich abwechslungsreich bebildert. Im Endeffekt zielt alles darauf ab, Courages Wort zu erfüllen: "Ich möchte gar nicht, dass mir Hören und Sehen vergeht."
Regisseur Robert Schuster und sein Bühnenbildner Hartmut Meyer benutzen dazu eine ins Riesenhafte und Knallbunte gezogene Straßentheaterbühne, ausgestattet unter anderem mit einigen Großbauklötzen. Vielleicht weist der gelbgrün gestreifte Boden auf das Spielfeld für eine unbekannte Sportart hin. Die lässige weiße Kleidung einiger Söldner würde das unterstützen (Kostüme: Emily Laumanns, Stefanie Lindner, Matthias Winkler). Rechts steht ein Hochsitz aus Metall, mehr Schiedsrichterplatz für eine Tennispartie als Wachturm. Die Musiker, teils apart rund um die Bühne verteilt, und die singenden Schauspieler exerzieren Paul Dessaus "Courage"-Musik (Arrangement: Christine Schulz-Wittan, Leitung: Susanne Blumenthal) so exakt wie kühl.
Die Spielfiguren stammen aus dem Hier und Heute. Courage, gespielt von Heidi Ecks, würde optisch als Kosmetikerin durchgehen, deren Pelzwestchen eine kuriose Erinnerung an eine Marketenderin im Dreißigjährigen Krieg ist. Dass sie ihre Kinder letztlich durch ihre Profitgier verliert, wird trotz einer späten Pietà mit Mutter und Tochter nicht zur Tragödie, sondern konstatiert. Die Kinder lässt sie praktische blaue Anstaltskleidung und platinblonde Perücken tragen (welche nach der Pause im Miniorchester auftauchen, eine vertändelte Idee).
Oliver Kraushaar als brutaler Mitmacher Eilif, Christian Beermann als Einfaltspinsel Schweizerkas und Kathleen Morgeneyer als stumme Kattrin bauen zunächst noch brav eine Pyramide, gehen aber bald andere Wege. Morgeneyers Kattrin lebt dabei ihr eigenes intensives Bühnenleben und darf uns als einzige so dramatische Nebenwirkungen wie Lachen und Weinen entlocken.
Die Söldner werden von Tennisspielern (evangelisch) zu Anzugträgern (katholisch). Dass ihnen das nichts von ihrer Brutalität nimmt, entfaltet Wirkung: Es ist, als würden die Profiteure im Hintergrund (Geschäftsleute, Länder, die nicht Kriegsschauplatz sind) für einen Abend die Soldaten überspringen und selbst die Drecksarbeit erledigen. Da verrutscht mal eine Krawatte und muss eine schicke Geschäftsfrauen-Frisur wieder zurechtgerückt werden, aber es geht schon. Dass mancher Zuschauer dadurch vielleicht auch ans Büro denkt - wenn es darum geht, sich zu beschweren und sich dann doch nicht zu beschweren, zum Beispiel -, ist kein Nachteil. Das Thema Afghanistan, der Krieg, der in Gottes Namen geführt werden darf, solange uns und den unsrigen nichts passieren kann, ist ohnehin so greifbar, dass es keine optische Unterstützung braucht.
Zur Ankündigung des jeweils nächsten Bildes stellen sich die Schauspieler vor und geben ein paar Selbstauskünfte zur Sache. Oliver Kraushaar etwa scheint während seines Wehrdienstes in erheblichen Konflikt mit einem Vorgesetzten geraten zu sein. Joachim Nimtz (als pragmatischer Feldkoch) war offenbar Schüler an der Offiziersschule in Kamenz/Bautzen. Das ist hochinteressant, bringt zum Schillern, was sonst wenig schillert, und geht jeweils flugs.
Der Abend hingegen dauert dreieinhalb Stunden, in denen die Zuschauer nicht mitgerissen werden sollen, sondern sehen und hören. Kein Jubel diesmal, zu dem auch nicht aufgefordert worden ist.
Schauspiel Frankfurt: 30. Januar, 13., 17., 19., 25. Februar. www.schauspielfrankfurt.de