Es gibt Situationen, da hilft nur noch ein Engel. Als Recha, die Tochter Nathans, aus ihrem brennenden Haus gerettet wird, glaubt sie, ihr Retter sei ein Engel - es ist kein Zufall, dass Lessing sein Toleranz-Drama "Nathan der Weise" mit einer Diskussion über Engel beginnt, die es in allen drei monotheistischen Weltreligionen gibt.
Einen Engel als Retter hat der neue Thalia-Intendant Joachim Lux noch nicht nötig. Regisseur Nicolas Stemann wäre da auch eine Fehlbesetzung. Aber ein bisschen gerettet hat er den Start von Lux doch. Stemann beschert dem Theater, an dem er schon länger gern gesehener Gast ist, zwei Erfolge an einem Wochenende: Erst präsentierte er "Die Kontrakte des Kaufmanns" aus Köln, ein Finanzkrisen-Spektakel von Elfriede Jelinek, am Tag darauf den "Nathan", gepimpt mit einem Einschub von - eben Jelinek.
Es beginnt denkbar schlicht. Unter der Decke leuchten ein paar flauschige Engelsflügel, ansonsten ist die leere Bühne dominiert von einem hängenden Lautsprecher. Aus ihm hört man Nathan und seine Haushälterin Daja. Während man überlegt, um welche historische Aufnahme es sich handelt, werden schemenhaft die Schauspieler sichtbar, die live in Mikros sprechen. So bleibt es lange, die Schauspieler bleiben hinter den Mikros, es geht um Inhalte, die Basis der Verständigung: Hört doch erstmal zu. Umso deutlicher werden kleine Gesten, der hilflos entflammte Blick des christlichen Tempelherrn (Philipp Hochmair) zu Recha (Maja Schöne) etwa, die er für eine Jüdin hält. Klug rafft Stemann die Konflikte und Debatten im Drama. Als Verweise auf heute genügen die von ihm geliebten Pappköpfe: Bin Laden als kriegslüsterner Muslim, Papst Johannes Paul II (oder sollte es doch George W. Bush sein?) als missionarischer Christ, Alan Greenspan als geldgieriger Jude. Dieses Klischee-Abbild trägt Nathan, bei Sebastian Rudolph staatsmännisch souverän, noch mit sich herum, als er nach vorn tritt, um die berühmte Ringparabel vorzutragen. Das ist dann doch zuviel des Rationalen. Kaum hat er angesetzt, bricht die zweite Ebene ins Drama ein. Eine zweite Recha und eine zweite Daja in historisierenden Kostümen treten auf und unterbrechen die Rede mit Jelineks "Abraumhalde". Es geht u.a. um die vielen Jungfrauen, die den Dschihad-Kämpfern versprochen werden.
Bald gewinnt das Irrationale auch auf der Bildebene: Jelineks Text wird zur "Hintergrundmusik, eine Tapete für irgendwelche Popanze". Diese Popanze sind u.a. ein irre dreinblickender Selbstmordattentäter, hysterisch den Rosenkranz betende Frauen, und Lessing gerät auch dazwischen.
Dann ist der Spuk vorbei. Christoph Bantzer als zweiter Nathan ruft nochmal die Vernunft an. Dass er nun Kaftan und langen Bart trägt, ist nicht Denunziation, aber Distanzierung: Er ist ein übermenschliches Wesen, ein Ideal für die Bühne. Wie sagt die alte Daja: Gier, Habsucht und Leiden siegen immer über die Vernunft.
Thalia Theater Hamburg, 29.10., 27. und 28.11. www.thalia-theater.de