Hinweg mit der stocksteifen Barock-Oper! Mit all der Rhetorik, den Rezitativen und Da-Capo-Arien, bei denen es am Ende sowieso nur noch darauf ankam, wer unter den Kastraten die beste Fitness bei den Koloratur-Sprints besaß. Die Musik als Echo natürlicher Empfindungen - das war es, was für Christoph Willibald Gluck zählte. Dafür riss er 1762 mit "Orfeo ed Euridice" die Fenster weit auf, um die Oper zu durchlüften. Ihre Zukunft kündigt schon die Ouvertüre an: In drei Minuten geht es wie in einem Wirbelsturm fast über die ganze Vergangenheit hinweg, kann man hier von Ferne schon den großen Musiktheater-Dramatiker Mozart spüren.
An der Kölner Oper sorgt der Alte-Musik-Spezialist Konrad Junghänel dementsprechend für rasante Fulminanz und sehnige Schnittigkeit, mit den Musikern des Gürzenich-Orchesters, die ihrem dirigierenden Herrn und Meister mit reaktionsschneller Verve folgen.
So musikalisch vielversprechend die Neuinszenierung beginnt, so hat auch Regisseur Johannes Erath ein beeindruckendes Eröffnungsbild für die Trauer gefunden, an der Orpheus stellvertretend für alle geschlagenen Herzen leidet. Langsam stemmt der Chor den Eisenvorhang so gerade über die Köpfe nach oben und kann man mit vereinten Kräften diese tonnenschwere Last scheinbar nur mit Mühe halten.
Im Laufe des Abends entwickelt sich so aus dieser symbolträchtigen Szene die Tragik der Sehnsucht und des Scheiterns. Und da es eben jeden überall und stets treffen kann, verzichtet Johannes Erath auf jede zeitbezogene Äußerlichkeit, um sich ganz dem Innenleben der von Gefühlen durchgeschüttelten Menschenseele zu widmen.
Im Halbdunkeln der kargen Bühne (Olaf Altmann) schleichen die Choristen mit gesenktem Kopf daher, verbünden sich diese Passanten immer wieder zu Paaren, bei denen das Minuten-Glück prompt wieder im klassischen Ehestreit-Gekeife zerbricht. Auch bei Orfeo und Euridice wird es - entgegen dem Libretto - nicht zum Happy-End langen. Während im Finale die vom Deus ex machina bereitgestellten Rokoko-Kostüme immerhin eine Theaterwelt suggerieren, in der bis hin zur plötzlichen Wiederauferstehung Euridices alles möglich ist, muss Orfeo weiter an seinem Schicksal laborieren.
All die Vergeblichkeit des Verlangens und die von Orfeo verkörperte Zerrissenheit zwischen Gehorsam und Liebe macht Johannes Erath zwar zum eigentlichen Motor seiner Inszenierung. Doch für diese konzentrierte Sichtweise benötigt man die entsprechenden Stimmschauspielerinnen, die in jeder Notenpore die Bitternis zumindest erahnen lassen.
Die Sopranistin Jutta Böhnert gab ihrer Euridice mit tiefer Leidenschaft und zupackender Explosivität Kontur, der Mezzo-Sopranistin Maria Gortsevskaya fehlt dagegen die farbliche Expansionsfähigkeit und die Leichtigkeit in der dramatischen Attacke, um die emotionalen Achterbahnen des Orfeo in ein fesselndes wie spannungsgeladenes Psychogramm zu verwandeln.
Das Gürzenich-Orchester hatte derweil mit der Ouvertüre sein Pulver schon verschossen und mühte sich technisch, aber auch resonanzarm an Glucks visionärer Klangsprache ab.
Oper Köln, 29. Oktober, 1.,4., 7., 14., 19. November. www.operkoeln.com