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Theater

19. September 2015

„Otello“ in Wiesbaden: Keine Tricks

 Von Stefan Schickhaus
Weiß auf Schwarz: Otello (Scott Piper) und Desdemona (Cristina Pasaroiu) in Uwe Eric Laufenbergs solider Inszenierung.  Foto: Monika und Karl Forster

Das Staatstheater Wiesbaden startet mit einem gutsitzenden „Otello“ in die Musiktheater-Saison. Sängerisch hält die Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg nicht, was der Intendant versprochen hat.

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Säulen sind geeignete Elemente auf einer Opernbühne. Der Bühnenbildner Gisbert Jäkel hat sie jetzt in großer Zahl und mächtiger Dicke in Szene gesetzt im Staatstheater Wiesbaden. Man erkennt sie gleich: Die Säulen der Wiesbadener Kurhauskolonnade dienten als Vorbild.

Säulen sind gut, man kann sich hinter ihnen verstecken, aber sie versperren auch gerne die Sicht, das ist schlecht. Das Gute und das Schlechte nebeneinander – damit sind wir beim Thema. Denn es geht um „Otello“, Giuseppe Verdis Shakespeare-Oper. Mit ihr eröffnete das Wiesbadener Haus nun seine Musiktheater-Saison. Und da ist das Thema ja, ist im Programmheft beim Autor Jan Kott nachzulesen, der „Streit zwischen Othello und Jago, ein Streit um die Natur der Welt. Wie ist die Welt: gut oder böse?“

Termine

Staatstheater Wiesbaden: 19., 24., 27. und 30. September.

Gut oder böse, gut oder schlecht, schwarz oder weiß? Es ist nicht einfach, sich bei dieser Opernproduktion aus der Hand des Wiesbadener Intendanten Uwe Eric Laufenberg festzulegen. Mit „Otello“ – Laufenbergs erster Verdi-Oper – lieferte der Hausherr eine Arbeit ab, die man als solide bezeichnen möchte, würde das nicht so negativ klingen.

Im Grunde stimmt alles: Die Szene ist auf die Antipoden Othello und Jago abgestimmt, Laufenberg vertraut recht erfolgreich auf das Spannungsfeld, das sich zwischen diesen beiden aufbaut. Er verzichtet ganz auf die Trickkiste, die eine Opernbühne technisch zur Verfügung stellt. Kein Coup, Aha, Oho. Ist bei diesem Drama auch nicht nötig, eigentlich. Der Kühle und Ordnung der Säulen steht alleine das Getriebene der gut geführten Protagonisten gegenüber, das sollte bei dieser Oper reichen, eigentlich.

Die beiden Kräfte, die um die Frage nach der Natur der Welt ringen, waren zumindest an ihrer Bühnenpräsenz gemessen sehr gut gewählt. Der Argentinier Matias Tosi gab den Jago, ein drahtiger, seine Bewegungssicherheit fast über Gebühr ausspielender Bariton – er war Tänzer, bevor er Sänger wurde, da sitzt jeder Schritt, jede Geste.

Besondere Sängerqualitäten?

Ihm gegenüber der US-Amerikaner Scott Piper als Othello, seine leicht dunkle Hautfarbe brachte es mit sich, dass das derzeit viel diskutierte Thema Blackfacing – und damit auch das Schminken des „Mohrs von Venedig“ bei „Otello“-Inszenierungen – hier nicht weiter diskutiert werden musste. Pipers Bühnenerscheinung war aber nicht nur deswegen prägnant, das Entgleiten der emotionalen Kontrolle leistete er stark. Stimmlich allerdings gab es ebenso wie bei seinem Kollegen leichte Abstriche: Pipers Tenor klang in der Höhe eigenartig unzentriert, während Matias Tosis Bariton gerade im piano kaum mehr wahrnehmbar war. Böse muss nicht wuchtig sein, aber allzu lieb-dezent darf ein Jago auch nicht klingen.

Viel Aplaus bekam Aaron Cawley für seinen geradlinigen Cassio, ebenfalls Cristina Pasaroiu für ihre schön gesungene, wenn auch nicht wirklich bewegende Desdemona. Dies mag nun allzu kritisch klingen, doch hatte Laufenberg, nachdem er das Wiesbadener Hausensemble aufgelöst hatte, ja Sängerqualitäten besonderer Art angekündigt. Die waren hier jedenfalls nicht im Einsatz.

Unter besonderer kritischer Beobachtung sollte auch der Dirigent dieser Eröffnungs-Premiere stehen, der junge Engländer Leo McFall, bis dato Erster Kapellmeister in Meiningen. Er wird als potentieller Nachfolger für Generalmusikdirektor Zolt Hamar gehandelt. Der 34-Jährige, gerade mit dem Deutschen Dirigentenpreis ausgezeichnet, dem höchstdotierten Preis für Dirigenten in Europa, hatte dafür einen denkbar schweren Start zu absolvieren, der erste „Otello“-Akt ist eine große Chor- und Ensembleszene mit gehörigem Wackelpotenzial, Säulen hin oder her. Da passte auch noch nicht alles.

Doch gerade in den Akten drei und vier überzeugte McFalls Dirigat absolut, das Orchester gönnte ihm ungemein schön gelöste Holzbläser-Stellen, die Sänger wirkten bei ihm gut aufgehoben. Wie ist die Welt: gut oder böse? Im Wiesbadener Graben an diesem Abend deutlich gut.

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