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"Othello" in Wien: Chaos im Land und in der Liebe

Große Besetzung, große Deutung: Jan Bosse hat in Wien Shakespeares "Othello" inszeniert. Es ist ein schuhcremeschwarzer Othello - innerlich wie äußerlich. Von Dirk Pilz

Sie haben ihn schwarz angemalt, schuhcremeschwarz. Kein Fleckchen seines ranken Körpers wurde ausgelassen. Dieser Othello ist ein "Mohr aus Venedig", wie er im Buche steht.

Ein Schwarzer. Wenn er sich in seiner ordensbestückten Generalsuniform aufbaut, die Beine breit, die Hände auf dem Rücken, die Augen hinter der Goldrandbrille aufgerissen, gleicht er einem bösen Diktator. Wenn er mit den Zähnen bleckt, die Zunge über die Lippen rollt und "hey, hey, hey" schnurrt, wird er zum Tigertier. Wenn er nackt und mit blitzendem Messer zu Desdemona in die Hochzeitshängematte steigt, ist er der Spielball finstrer Leidenschaft. Nach der Schreckenstat krümmt er sich am Boden, der Schein eines Lagerfeuers wirft flatternde Schatten auf sein Gesicht. Wer ist dieser Mann?

Man teilt sich ein Huhn

Joachim Meyerhoff spielt in Jan Bosses Inszenierung am Wiener Akademietheater den Othello, und er spielt ihn konsequent dunkel. Unter jeder Silbe gurgelt ein Abgrund, hinter jedem Wort lauert ein Grollen. Dieser Mann ist ein Beispiel an Unberechenbarkeit. Eben noch hat er mit Desdemona zu Mittag gespeist, mit Serviette im Knopfloch und Silberbesteck. Man teilt sich ein Huhn, und Othello schenkt seiner Geliebten eine afrikanische Maske. Sie bettelt um Wiedereinstellung des ehrlos entlassenen Cassio, zieht am Tischtuch, wirft die Gläser um - Othello wahrt die Fassung. Gleich darauf aber, im Zwiegespräch mit Jago, der ihm den Eifersuchtswahn in die Seele träufelt, platzt ihm der Zivilisationskragen: Die Finger rupfen hastig Fleisch vom Knochen, die Augen werden irr, sein Gang ist eckig.

Othello, der Seelenverschattete, kippt aus den Fugen seiner Welt. Damit ist er nicht allein: Alles wankt und fällt an diesem Abend. Othello ist bei Bosse nicht der wunderlich Fremde in feinen venezianischen Kreisen, die kriegführend auf Zypern weilen. Er ist das Epizentrum einer implodierenden Gesellschaft. Die ersten Szenen spielen in tiefster Nacht - man hört nur, wie Jago seine Intrige wispernd in Gang setzt. Othellos erster Auftritt findet vor einer Wellblechwand statt. Dann gehen die Parketttüren auf, Windmaschinen lassen´s kalt werden, Staub wirbelt - die Bühne ist ein apokalyptisches Trümmerfeld.

Die Welt liegt in Chaos: Jan Bosse nimmt den "Othello" als Parabel. Keiner weiß hier, worauf Verlass, wem zu trauen ist. Jedes Wort könnte Lüge, jeder Blick ein falsches Versprechen sein - das ist, das soll auch unsere Welt sein, eine halt- und zukunftslose Gesellschaft, in der alle an allen vorbeireden. Edgar Selges blitzender Jago lässt die Worte tanzen, Meyerhoff zieht sie mühsam hinter sich her, Markus Meyers Cassio stolpern sie von den Lippen. Die Männer sind hier auf ihre Weise Sprach-Seiltänzer, die Frauen schaukeln in der Hängematte, wenn sie John Lennons "Woman is the nigger of the world" singen. Was soll man sagen? "Ich sag kein Wort mehr", sind die letzten Worte des Abends, hervorgepresst von Jago. Ist´s eine Geschlechtertragödie also, die hier geboten wird? Das will nur so scheinen.

Im November hat Jette Steckel, gender- und differenztheoretisch ganz hipp, den Othello am Deutschen Theater Berlin mit einer Frau besetzt. Bosse dagegen hat sich von seiner Kostümbildnerin Kathrin Plath den Mann Othello schwarz machen lassen. Deutlicher, platter womöglich geht es eigentlich nicht. Dieser schwarze Mann aber trägt seine Hautfarbe nur als äußeres, in seiner Überdeutlichkeit sich selbst karikierendes Kennzeichen einer Andersheit, die jeden betrifft - fremd sind sich hier alle, unbegreiflich bleibt auch das Tosen der eigenen Leidenschaften. Othello fällt in epileptische Anfälle, Jago in hektische Selbstüberredungsattacken, Katharina Lorenz´ Desdemona wird von Tränen geschüttelt - das Chaos um sie herum ist auch das Chaos in ihnen drin.

Manche Szenen sind dabei, für Bosse ungewöhnlich, mit gefühlskitschigen Emo-Effekten aufgeladen, manches ist Trümmer-Show. Wie zuletzt mit Ibsens "Peer Gynt" am Hamburger Thalia versucht er auch diesmal, das Umstürzen der äußeren Welt an den inneren Folgen abzulesen: Er präsentiert Menschen, denen jede Gewissheit verdampft ist, deren Ich zum Provisorium geworden ist. In Trümmern liegen bei diesem "Othello" folglich vor allem die Seelen, und Hautfarben spielen dabei keine Rolle. Wenn Desdemona nackt und tot aus der Hängematte kippt, ist sie schuhcremebeschmiert, und er hat weiße Flecken - jeder färbt auf den anderen ab, keiner weiß sich vor sich selbst zu retten. Nur Caroline Peters´ dauerpräsente Jago-Gattin Emilia ist in ihrer Seelenfestigkeit die Lichtgestalt des Abends, der Hoffnungsschimmer einer versinkenden Welt.

Es ist ein düstres Bild unserer Zeit, das Bosse malt - in glänzender Besetzung. Mit dem Traumduo Meyerhoff und Selge hat er vor sechs Jahren in Hamburg einen umwerfend gedankenhellen "Faust" und vor drei Jahren in Zürich einen geistsprühenden "Hamlet" inszeniert. Schauspielräusche waren das. Jetzt gehören Meyerhoff und Selge zu einem First-Class-Ensemble, in dem sich verschiedene Spiel-, Sprech- und Seelenwesen aufreiben. Es ist das Bild einer zerbröselnden, taumelnden Gesellschaft, das dieser "Othello" entwirft. Eine Drohung, ein Warngedicht.

Akademietheater Wien: 29. Januar, 10., 23. Februar. www.burgtheater.at

Autor:  Dirk Pilz
Datum:  25 | 1 | 2010
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