Das Hochzeitsbett besteht aus 45 Bildschirmen. Blutflecken sind auf ihnen zu sehen und grüne Blätter, menschliche Innenansichten und Gitterstäbe. Abhängig von Stellung und Stimmung, in der Desdemona und Othello sich gerade befinden, wechseln Farbe und Motive auf den Screens. Als hätte sich das postum der Medienkünstler Nam June Paik ausgedacht.
Entworfen hat das breite Ehebett der junge Wiener Bühnenbildner Gregor Holzinger, und Peter Sellars hat es zum Zentrum seiner aufgeregt erwarteten Inszenierung zum Ende der Wiener Festwochen gemacht. Auf und um das Bett tollen und schlurfen nämlich (neben einer Handvoll amerikanischer Darsteller mehr) zwei veritable Hollywood-Stars: Philip Seymour Hoffman ("Capote") und John Ortiz ("Miami Vice"). Sie geben Jago und Othello, und das, ohne ihren Bildschirm-Glamour auch nur eine Sekunde auszuspielen. Das gediegene Kammerspiel führte zu manch langen Premieren-Gesichtern.
Peter Sellars hat die Betriebstemperatur der Inszenierung umgekehrt proportional zur allgemeinen Nervosität im Vorfeld gehalten. Das Ensemble erhielt Interviewverbot, die Besetzung wurde gegen den Strich gebürstet. Verweigerung nennt man gemeinhin eine solche Strategie, doch dem menschenfreundlichen Sellars dürfte dieses Vokabel fremd sein. Nicht nur der Hauptdarsteller ist dunkelhäutig, sondern gleich eine ganze Reihe der Protagonisten. Ein Puertoricaner als Othello fällt unter ihnen nicht weiter auf.
Der Doge von Venedig ähnelt Barack Obama
Die Frage nach der Hautfarbe stellt sich im Wiener Theater Akzent gar nicht. Die Welt in Venedig und Zypern des 17. Jahrhunderts ist multikulturell - genauso wie heute. Nicht von ungefähr ähnelt der Doge von Venedig (Gaius Charles) dem derzeit amtierenden US-Präsidenten. Wie dieser legt auch das Wiener Ensemble seinen Blackberry nicht ab. Peter Sellars' "Othello" spielt in einer Welt der Technokraten. Wissentlich oder unwissentlich fehlgeleitete Nachrichten gehören da zur Tagesordnung. Gerüchte vermehren sich in Windeseile, Manipulationen sind Tür und Tor geöffnet.
Die Geschichte mit den Handys ist aber auch schon der einzige Regiegag, den sich Sellars erlaubt. Er konzentriert sich ganz auf den um kein Komma gekürzten und dementsprechend viereinhalb Stunden langen elisabethanischen Text. Während im Hintergrund Frank Günthers Übersetzung flimmert, setzt Jago Baustein um Baustein seiner Intrige zusammen.
Wie der plumpe Koloss des Philip Seymour Hoffman das macht, ist interessant anzuschauen. Diesem Jago geht die Wendigkeit des Bösewichts ab. Wie ein untersetzter Truckerfahrer aus dem Mittleren Westen, der irgendwann erfährt, dass sich seine Ehefrau während seiner Touren anderweitig vergnügt, brummt er den Zorn in sich hinein. Er stiert, hält sich den Handrücken an die Stirn, wird manchmal richtig laut. Der Ärger trifft dann seine Frau (Liza Colón Zayas) oder den dümmlichen Roderigo (Julian Acosta), den er für seine Zwecke einspannt.
Ungeschriebene Aufführungstradition
Gegenüber dem athletischen Othello des John Ortiz aber ist er treuer Diener und väterlicher Beistand. Ein Bär mit Handschlagqualität. Im deutschsprachigen Raum gibt es von Ulrich Wildgruber bis Thomas Thieme eine ungeschriebene Aufführungstradition, dass Typen wie Philip Seymour Hoffman den Othello spielen. Im Theater Akzent ist es genau umgekehrt, der Othello ist hier ein wendiger General, der vor jeder Kamera eloquent von der Operation Wüstensturm erzählen könnte. Die Zuschreibungen, mit denen Shakespeare hantiert (der Schwarze als Tier) funktionieren nicht.
Othellos unbändige Eifersucht ist die Frucht seiner großen Liebe und des unbedingten Willens, sein Gesicht zu wahren. Die Ehre ist eines der Schlüsselworte bei Shakespeare - Lessing hat sich seinerzeit in seiner "Minna von Barnhelm" noch darüber lustig gemacht. Solch aufklärerischer Impetus aber interessiert Sellars nicht. Er beschwört die Macht der Liebe mit beinahe romantischem Eifer. Das gelingt nur, weil die Desdemona der Jessica Chastein eine Gattin wie aus dem Oval Office ist - inklusive Etuikleid und hochhackiger Schuhe. Eine solch attraktive Lady in einer solch exponierten Stellung betrügt ihren Mann nicht, und wenn, dann stürzt eine Welt zusammen.
Das muss man dieser Inszenierung einfach glauben - ansonsten entzieht man ihr den Boden. Sellars bringt das technokratische Umfeld und die vormodernen Gewalten, die im Stück am Werk sind, unter einen Hut. Das droht die Inszenierung nicht selten zu sprengen. Gleichzeitig spricht es für seinen unbedingten Glauben an diesen großen Text der Weltliteratur. Ihm ist er treu ergeben.
Bei Inszenierungen deutschsprachiger Regisseure haben wir uns an die Schneisen, die sie in den Text schlagen, gewöhnt. Sellars dagegen verändert nur die Hautfarben der Darsteller und das Dekor. Eine moderne Geschichte entsteht aus diesem "Othello" dadurch nicht, ein spannendes Finale aber kriegt der Regisseur hin. Wie in einer Traumsequenz mordet Othello im weißen Hemd seine unschuldige Desdemona - bevor einer nach dem anderen aus Revanche fällt. Aus den Lautsprechern wird der Text zugespielt und überspielt, das Medienrauschen hat den Protagonisten das Handlungszepter aus der Hand genommen. Ein später Fall von Medienkritik. Sie hätte Sellars ruhig etwas ausführlicher entwickeln können.
Theater Akzent, Wien: bis 20. Juni. Vom 25. Juni an in Bochum. Im September in New York. www.festwochen.at