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Theater

23. Februar 2016

"Penelope wartet" in Gießen: Über Sitzreihen nach Hause

 Von 
Herr im Haus: Odysseus (Francesco Mariottini) stemmt Penelope (Magdalena Stoyanova).  Foto: Rolf K. Wegst

„Penelope wartet“ und tanzt derweil an Gießens Stadttheater in einer Choreographie Tarek Assams.

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An der Geschichte des Odysseus, des listenreichen, interessiert Gießens Tanzchef Tarek Assam vor allem die Sicht der kaum weniger listigen Penelope, die des Nachts auftrennt, was sie tagsüber gewebt hat, um die offenbar recht einfach gestrickten Freier zu täuschen. Sie ist die Frau, die die Rückkehr ihres Mannes ersehnt, der sich da und dort herumtrieb – viele Jahre lang; so schrieb es jedenfalls Homer auf. Die scheinbar bloß Geduldige weiß sich freilich zu helfen, bei Assam recht entschlossen: „Penelope wartet“ ist der Titel eines Tanzabends, der Odysseus’ Frau weit mehr als nur warten lässt, der sie zuletzt zur Waffe macht an der Seite des Rückkehrers.

Papierboote auf dem Kopf

Auf dem Vorhang des Großen Hauses wogen dunkle Wellen, wenn das Publikum zu den Plätzen geht. Dann kommen die Krieger nach Hause: Über Sitzreihen, zwischen Zuschauern klettern Tänzer verwegen mit Papierbooten auf dem Kopf, wispern „I’m going back to Ithaka“. Ihre Heimat ist dort, wo ein Wald aus Potemkinschen Statuen steht (Bühne: Fred Pommerehn). Und wo Penelope Ausschau hält – ohne freilich wahrzunehmen, wie schließlich auch der Heimkehrer Odysseus mit einem hölzernen Spielzeugpferdchen auftritt. Immerhin wittert und erkennt ihn sein Hund, eine hübsche Szene.

Mit Ausnahme der Figur des treuen Hundes (der quicke Sven Krautwurst) gelingt es Tarek Assam jedoch kaum, den Hauptfiguren einen je eigenen körperlichen Ausdruck zu geben. Das im zeitgenössischen Tanz gebräuchliche, in Maßen eckige Bewegungsmaterial reiht sich hier geschmeidig, es ähnelt und wiederholt sich aber auch – ob nun Penelope (Magdalena Stoyanova) zwischen den Statuen hervortritt und ein sehnsuchtsvolles Solo tanzt, ob die Magd Eurykleia (erneut: Sven Krautwurst) Odysseus erkennt, ob er selbst (Francesco Mariottini) den Bettler oder später den resoluten Krieger gibt. Es fehlt an choreographischer Trennschärfe, an Charakterzeichnung mittels Bewegung.

Das trojanische Minipferd

Assam setzt stattdessen immer wieder auf klare Ausstattungssignale: auf das trojanische Minipferd als Odysseus-Accessoire, das großmaschige, sich im Tanz auftrennende Kleid für Penelope (Kostüme: Gabriele Kortmann), und gegen Ende, wenn die Freier sterben, auf plötzlich blutende Statuen. Danach braucht es nur noch Frauen mit roten Wischtüchern, um das große Aufräumen anzudeuten.

Die Schlichtheit dieser Bilder gefällt; trotzdem ist die Bühne mit knapp 20 kleinen und großen Pappfiguren auch seltsam vollgestellt. Und es wirkt wie eine Verlegenheitslösung, das Ensemble immer wieder mal mit einzelnen dieser Figuren hantieren zu lassen: Als müsse im knapp zweistündigen Stück Zeit gefüllt werden (und womöglich ist es ja so).

Choreographie und Dramaturgie sind solide, aber kaum einmal originell und manchmal etwas ratlos. So ist am bemerkenswertesten an „Penelope wartet“ die Musik, von Herbert Gietzen passgenau arrangierte Kompositionen des griechischstämmigen John Psathas. Frisch klingt diese Mischung aus filmmusikalischer Wucht, jazzigem Drängen, minimalistischer Dezenz. Saxophon wie auch Harfe wie auch Pauke kommen zum Einsatz; es spielt das Philharmonische Orchester Gießen.

Am Ende hätte Tarek Assam seine Idee, Penelope in den Mittelpunkt zu stellen, ruhig entschiedener verfolgen können. Als Schattenwesen ganz in Schwarz, als sein Bogen tanzt sie an der Seite Odysseus’ – so ist es dann doch keine Emanzipationsgeschichte geworden.

Stadttheater Gießen: 12., 26. März, 7., 24. April. www.stadttheater-giessen.de

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