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"Poppea//Poppea" in Stuttgart: Schon sind sie des Todes

Gefährliche Leidenschaften: Christian Spuck choreografiert für Gauthier Dance ein Stück nach "Poppea": Ein emotional expressiver Abend von knapp anderthalb Stunden. Von Sylvia Staude

Zum Schreien: (Fast) jeder hat mit jedem eine Liebesrechnung offen in Poppea//Poppea.
Zum Schreien: (Fast) jeder hat mit jedem eine Liebesrechnung offen in "Poppea//Poppea".
Foto: Regina Brocke

Stuttgart hat ein erstklassiges Ballett, das dem choreografierenden Nachwuchs regelmäßig eine Chance gibt. Aber es hat auch Tänzer, die sich selbst ihre Chance geben: Einiges an Mut wird es erfordert haben, dass Eric Gauthier, ehemals Solist des Stuttgarter Balletts, ein eigenes Ensemble gründete, 2007 war das. Seitdem hat sich "Gauthier Dance" am Theaterhaus etabliert. Acht Tänzerinnen und Tänzer sind es, dazu der Chef, der auch selbst tanzt.

Als Choreograf pflegt Gauthier das Unterhaltsam-Gefällige. Doch hat er gute Beziehungen zu anderen Tanzschöpfern - und ein exzellentes Ensemble. Diesem hat nun Christian Spuck, Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts und designierter Leiter in Zürich, eine Betrachtung zum Thema Liebe, Eifersucht, Machtmissbrauch auf den Leib choreografiert, nach Motiven der Monteverdi-Oper "L´incoronazione di Poppea". Ein emotional expressiver Abend von knapp anderthalb Stunden ist das geworden, der ab und zu ironisch Abstand nimmt von den starken Gefühlen.

Eine Art Erzählerin hat Spuck dafür eingeführt, sie stellt anfangs mit lässiger Knappheit die Handelnden vor: "Das ist Ottone", sagt sie zum Beispiel, "Ottone liebt Poppea. Ottone wird aus Angst vor Verrat versuchen, Poppea in Drusillas Kleidern zu ermorden." Man sieht, die Dinge sind etwas verworren bei Monteverdi. Auch gibt es Tote, schließlich ist der berüchtigte Kaiser Nero beteiligt. Der Philosoph Seneca, dem Nero befiehlt, Selbstmord zu begehen, wird hier in Wasser schwebend gezeigt (Film: Fabian Spuck), sein Blut umwölkt ihn.

Christian Spuck streut ab und zu ein Stückchen Handlung ein, lässt sich aber nicht einschränken in seinen Assoziationen über fatale Leidenschaften und daraus geborener Willkür. Poppea braucht nur mit dem Finger auf Seneca, Ottavia, Ottone zu zeigen, schon sind sie des Todes, denn es gibt keinen Wunsch, den der liebestolle Nero ihr abschlagen würde. Giuseppe Spota tanzt ihn als gefährlichen Hampelmann, mit manchmal fast Groucho-Marx´schen Bewegungen.

Spuck scheut sich nicht vor dem einen oder anderen Witz, vor greller Überzeichnung. Doch überwiegt deutlich eine fließende Eleganz und, in den Duos vor allem, die feine Nuancierung der ja durchweg nicht unproblematischen Paar-Beziehungen. Musikalisch ist der Abend ohnehin aufgeladen. Martin Donner, der bereits mehrfach für Spuck gearbeitet hat, ergänzt diverse schönheitssatte Monteverdi-Ausschnitte (nicht nur aus "Poppea") durch Dunkel-Dräuendes. Und auch etwas Singer/Songwriter-Pop erklingt, etwa von Emiliana Torrini.

Christian Spuck und die Bühnen-/Kostümbildnerin Emma Ryott waren nicht über-sparsam, haben aber doch sichtlich für ein Ensemble gearbeitet, das sich auf dem so genannten freien Markt bewegen muss. Entstanden ist ein kompaktes, problemlos auf Tournee zu nehmendes Stück, das zudem auf einer reizvollen Vorlage beruht, die für den Tanz erstaunlich gut funktioniert.

In manchen Momenten macht "Poppea// Poppea" (so Spucks Titel) einen arg routinierten Eindruck. Das ist aber schon der schlimmste Vorwurf, den man der Choreografie machen kann. Sie läuft wie am Schnürchen; und immer wieder tut sie mehr als das. Gauthier Dance wird sich damit weitere Freunde machen.

Theaterhaus Stuttgart: 3., 4., 20., 21., 22. Juli. Am 9. Juli im Theater Bonn. www.theaterhaus.com

Autor:  Sylvia Staude
Datum:  3 | 7 | 2010
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