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Theater

18. Januar 2016

„Rigoletto“ in Mainz: Die Kraftmeier und die Elenden

 Von Bernhard Uske
Schurke mit Lakai: Paul O’Neill als Herzog von Mantua, Jürgen Rust als Borsa in "Rigoletto" am Staatstheater Mainz.  Foto: Martina Pipprich

Mainz, wie es singt und kracht: „Rigoletto“-Regisseur Lorenzo Fioroni lässt am Staatstheater wirklich nichts aus.

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Es fängt gleich plakativ an: eine Horde ausgelassener, als Krieger und Honoratioren der Renaissance erkennbarer Männer macht, Fahnen schwenkend und gröhlend, Jagd mit Lanzen auf Mädchen und Frauen. Alsbald aufgespießt, werden sie umhergeschwenkt und baumeln dann an hohen Laternenmasten. Eine Gaudi ist das in rot und weiß, in apartem, nebeligen Licht und einer an die Geschlechtertürme der oberitalienischen Städte erinnernden Straßen- und Zimmer-Agglomeration, mit allerlei Graffiti verziert.

Ein visuell beeindruckender Einstieg. Aufgeputscht das Ganze durch extrem forcierte Musik und weiter verschärft durch die sich zurufenden Täter und das Schreien und Kreischen der Gejagten.

Es handelt sich um Giuseppe Verdis Oper „Rigoletto“, die jetzt am Staatstheater Mainz eine Neu-inszenierung durch Lorenzo Fioroni erlebte, dieser im Verein mit Bühnenbildner Paul Toller, Lichtbildner Alexander Dölling und der Kostümbildnerin Katharina Gault. Grell und grobsinnlich geht es mächtig voran – gut zweieinhalb Stunden lang. Die Welt ist aus den Fugen, kein Glück ist auf Erden und zuletzt ist Feuer auf der Bühne: lichterloh, als wäre man gerade am Ende der „Götterdämmerung“. Aber es sind eher Bilder wie von den Bränden in den französischen Banlieues mit Autoreifen und Müllbergen, die einem nahegelegt werden – eine flammende Wüstenei.

Zu diesem Zeitpunkt haben die Akteure längst schon einmal die Kostüme gewechselt, wurden zu Männern der Gegenwart in Otto-Normalverbraucher-Blousons, und da war auch schon das Licht im Zuschauerraum angegangen. Der beliebte Beleuchtungs-Pranger, an den trotz jahrzehntelanger Übung in dieser Sitte das als begriffsstutzig eingeschätzte, widerborstige Opernpublikum immer mal wieder gestellt werden muss. Es hat sich für den Abend mit Buhrufen revanchiert.

Kurz vor knapp, im 3. Akt mit seiner Wirtshausszene, kommt noch die Tänzerin, die sich dem wieder auf Brautraub befindlichen Herzog entzieht und eigentlich lustig die Treppe herunterspringen soll, auf die Bühne gewankt als das missbrauchte Geschöpf schlechthin. So sehr mit Theaterblut verschmiert, dass man fast lachen musste: Mainz wie es singt und kracht!

Es gibt wirklich viel zu sehen. Ein Déjà-vu der Regie-Einfälle aus den vergangenen vierzig Jahren, wie sie in manchen operalen Soziotopen offensichtlich überleben. Als Neuzugang in der theatralen Elends-Kraftmeierei darf die Barttracht der höfischen Libertins bewertet werden, die ihr Vorbild in den Gotteskriegern von Taliban und IS haben. In Verbindung mit den üppigen Schamkapseln der Renaissance-Kluften hatte dieser Dernier Cri im Kampf um neue Einfälle und Aufmerksamkeitsgewinne einen besonderen Hautgout.

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Wenig an eindeutig Aufmerksamkeitsfesselndem ließ sich über die musikalische Seite des Abends sagen. Zwar achtete Dirigent Clemens Schuldt auf die im „Rigoletto“ erstmals konsequent von Verdi durchgearbeiteten Profile atmosphärischer und interagierender Stimmen-Differenz. Aber gerade bei den Duetten und Ensembles geschah das auf eine so sehr zeigefingerhafte und zerdehnte Weise, als arbeite man an einer Schwerhörigenfassung.

Das Orchester allerdings brillierte mit herrlicher Sonorität und Farbigkeit. Blendend auch die Herren des Opernchors (Leitung: Sebastian Hernandez-Laverny), nicht nur in den pathetischen, sondern auch und gerade in den wispernden und geflüsterten Einsätzen!

Von den Solisten überzeugte der Herzog von Paul O’Neill und trotz Schwäche der Disposition Werner Van Mechelen als Titelfigur. In der weiblichen Hauptrolle gelang es Marie-Christine Haase freier zu werden. Als altes Animier-Monster besonders beeindruckend war Tamta Tarieli.

Staatstheater Mainz: 24., 29. Januar, 23., 26. Februar. www.staatstheater-mainz.com

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