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Theater

13. März 2016

„Searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)“: Philip Marlowe und die Trümmer des Lebens

 Von 
Fritzi Haberlandt auf André Jung, André Jung auf Scherben.  Foto: Thomas Aurin

Fritz Katers neues Stück „Searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)“ will viel, und dann ist in Stuttgart doch wenig zu sehen.

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Wenn man sich nach einem erzählenden Theater sehnt, und wer tut dies nicht, klingt das gut. Ein Mann und eine Frau leben recht glücklich miteinander. Sie klammert etwas (ziemlich), er braucht seine Freiräume, bringt aber große Rosensträuße von seinen Reisen mit. Vielleicht könnte man irgendwann heiraten, sieben Jahre ist es doch schon gut gegangen. Nach der jüngsten Reise, Ende 1959, ist die gemeinsame Wohnung jedoch verwüstet, die Frau verschwunden, offenbar entführt. Die Spur führt in eine Bad Godesberger Villa, wo nicht nur ein Toter liegt, sondern auch die Stunde der Wahrheit wartet.

Denn die Frau hat nie erzählt, dass sie schon ihren dritten Namen trägt, in der NS-Zeit als 15-Jährige in die Prostitution gerutscht und den Nazis als Edelnutte zur Hand gegangen ist (anscheinend inklusive eines Mordes, mindestens eines Mordes). Der Mann hat nie erzählt, dass er Jude ist, nebenbei für den Mossad Nazis jagt und es ausgerechnet auf einen gewissen Hauser abgesehen hat, der seinerzeit die junge Rosa ins Unglück gebracht hat. Es kommt zu einer Art Showdown. Der Mann würde sich von der Frau erschießen lassen, die Frau geht aber einfach weg.

Fritz Kater – Stuttgarts Schauspielintendant Armin Petras in seiner Rolle als Dramatiker – vermittelt diese spannende, im Detail aber tatsächlich nicht weiter ausgeführte Geschichte nun auf mehreren Zeitebenen und symbolisch hoch aufgeladen. Es gibt Rückblenden zu Rosa und ihrem Unglück, es gibt den Jahreswechsel 1959/1960 als Hauptschauplatz, und im Sommer 1989 wohnt ein soeben aus der DDR geflohener Musiker in spe neben dem nun alten Mann und interessiert sich weit mehr für Fugen als für den Greis. Die Kunst der Fuge steht mit der Situation in Verbindung (in welcher genau?), ebenso die Erzählung von Orpheus und Eurydike. Gleichwohl verschwimmen Versuche, die Handlungen in Kontakt zu bringen.

Fast alles bleibt nur Versprechen

Es ist eine Stärke von Petras und Fritz Kater, der rauen Seite der Melancholie, dem Gefühl, auch einmal dem ironiefrei Triftigen Platz zu schaffen. In der Zeit von Elisabeth Schweegers Schauspielintendanz konnten sich die Frankfurter von Anfang an daran abarbeiten. Und es ist auch faszinierend, jetzt mit Hilfe des Programmhefts nachzuvollziehen, wie der Autor sich für „I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)“ in der literarischen und filmischen Welt umgetan hat, wie die 13 Szenen Echo sind. Aber nun passiert doch Folgendes: Der Text selbst fällt irritierend zurück hinter die aufgelisteten Vorbilder, Böll und Seghers, Faulkner und Remarque. Das liegt vor allem an der fast durchgängigen Monolog-Form. Sie lädt den Figuren – in erster Linie dem Mann, Maibom, in zweiter der Frau, Rosa/Helene/Rieke, in dritter dem jungen Musiker – enorme Textmengen auf, in denen sie einerseits erzählen, andererseits mächtig reflektieren müssen. Und mit denen, das ist das größte Rätsel von allen, die Inszenierung anscheinend nicht gut zurechtkommt.

Der benachbarte Opernintendant Jossi Wieler hat die Regie für diese also in Stuttgart definitiv auf Chefebene gestellte Uraufführung übernommen. Seine Inszenierung ist so zurückhaltend, wie man es sich als Autor gewiss wünscht, aber in der Oper nennt man das Rampensingen. Markant ist die Bühne des Kammertheaters mit weißen zerhauenen Platten belegt (Ausstattung: Anja Rabes), Scherben oder Eisschollen, allemal zertrümmertes Leben. Die Schauspieler balancieren, werden verlangsamt, zumal Maibom ein Holzbein hat.

André Jung ist ein Mann, dem man vieles glauben will, aber er bleibt in diesem Fall seltsam blass, spricht auch unkonzentriert, was Absicht sein könnte, aber den Text an Ort und Stelle in zum Teil akute Plappergefahr bringt. Fabelhaft ist Fritzi Haberlandt, die es umgekehrt macht, sie vermittelt Todernsthaftigkeit von Anfang an. Die Jugend bleibt am Rand, 1959 die goldige Hausmeisterstochter (Lucie Emons, die sich Mühe gibt, aus nichts etwas zu machen), 1989 der Musiker (Matti Krause, der sich der Mischung aus Einfaltspinsel und eventuellem Genie stellt).

Einleuchtend die zeitlich an die Ebenen angepasste Musik (Wolfgang Siuda), dezent die Videos (Chris Kondek), die eine weitere Spielebene eröffnen, hier nun buchstäblich Film noir, auch durch die mysteriöse Manja Kuhl, die als Milena ebenso gut einem Privatdetektiv hanebüchene Auskunft geben könnte. Die Verspieltheit, die sich hier einmischt, wird aber nicht produktiv. Aus der Lage zwischen dem kleistisch dimensionierten Drama des verratenen Vertrauens und dem sanften Parodieren entsteht nicht Spannung, sondern Unentschlossenheit.

So bleibt fast alles Versprechen: Der Spionagethriller, obwohl Jung sehr lässig den Hut nach Art des großen Philip Marlowe vor oder zurück rückt. Die zeitgeschichtliche Tragödie, obwohl Haberlandt eine sensationelle Rosa ist. Wie sie da herumsteht im blauen Kleidchen 1941 in Berlin und erzählt, wie sich ihr jener gewisse Hauser nähert, und sie will nicht, aber er fragt nicht, und was soll sie machen, und die Schauspielerin bewegt sich nur ein bisschen, weil Rosa nicht weg kann und sich so unwohl fühlt, aber es hilft ihr alles nichts: Da wird offensichtlich, was an diesem Abend an sich möglich ist.

Schauspiel Stuttgart, Kammertheater: 15.-18., 21.-23. März, 1., 6., 7. April. Mehr Informationen im Internet.

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