Es beginnt wie ein Kammerspiel mit Musik. Zu trockenen Glockenschlägen geht der Vorhang auf, der Blick fällt auf einen Mann, der sich im Rhythmus der Schläge quält in seinem Bett: Mime zieht sich die Decke über den Kopf, er hält sich die Ohren zu, ihm alpträumt von dem, was ihm nicht gelingen will - das Schwert Nothung zu reparieren und dem fürchterlichen Knaben Siegfried auszuhändigen. Der ruht einstweilen noch in seinem Bettchen.
Die "Felsenhöhle im Wald" - Schauplatz des ersten Aufzugs des "Siegfried" aus dem "Ring des Nibelungen" von Richard Wagner - verlegt Regisseur Claus Guth in seiner Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper ins Dämmerlicht einer garagenartigen Werkstatt. Rechts eine Waschmaschine, quer durch den Raum spannt Mime später eine Wäscheleine, auf die er mit wenig Geschick Boxershorts und Socken wirft. Der allein erziehende Mime ist fertig mit den Nerven. Immer wieder greift er zur Tablettenschachtel. Der auch stimmlich glänzend disponierte Peter Galliard ruckt und zuckt ganz so, wie der ins Pubertätsmaßlose sich aufblähende Knabe Siegfried diesen alten Knicker verspottet. Wenn Mime ihm den Braten auftischt - Guths Ausstatter Christian Schmidt ersetzt ihn durch eine Packung Smacks mit Milch -, wirft Siegfried das Zeug in hohem Bogen durch die Wohnwerkstatt. Hier hassen sich zwei, die voneinander noch nicht lassen können.
Falk Struckmann als Wanderer lässt in seinem bodenlangen schwarzen Mantel und dem schwarzen Hut an eine Figur aus einem Italowestern denken. Seinen geschmeidigen Bassbariton lädt er mit drohender Schärfe auf, die besonders im feindseligen Duett mit dem Zwerg Alberich überzeugt. Jenen Nibelung Alberich (toll gesungen von Wolfgang Koch), dem der Wanderer als Wotan einst Ring, Hort und Tarnkappe raubte, zeigt Guth als versoffenen, bösen Penner. Der wartet in einer Art Naturkundemuseum vor der domestizierten Wildnis des "Tiefen Walds" darauf, dass der in einen Wurm verwandelte Riese Fafner endlich die Schätze preisgibt, die ihm gehören. In diesem zweiten Aufzug wird Guths Ansatz einer "Ring"-Welt nach der Katastrophe besonders deutlich. Die Natur erscheint hinter dem Panoramafenster wie eine Erinnerung, ein Ausstellungsstück.
Für den Tod des Drachen (stimmschön: Diogenes Randes) fand das Team Guth/Schmidt eine kluge Abstraktion: Im Halbdunkel des künstlichen Waldes fällt kein Lindwurm aus Pappmaché, sondern klirrend ein Metallnetz auf den Boden, breit wie ein Vorhang und aus demselben Material wie die Tarnkappe.
Anrührend, wie Christian Franz dem Siegfried hier nicht nur stimmlich, sondern auch gestisch Zwischentöne verleiht. Schon im ersten Aufzug war in Franz nicht nur ein starker Sänger zu bewundern, sondern ein über-aus differenzierter Darsteller. Die Rohheit, mit der er von Mime endlich Aufschluss erzwingt über seine Geschichte, auch die rück-sichtslose Energie, mit der er alle dinglichen Zeugen seiner Kindheit - Teddybär, Spielsachen und Zudecke samt Mimes Büchern - ins Feuer wirft, um Hitze fürs neu geschmiedete Schwert zu gewinnen: sie sind die andere Seite des leidenden Kindes, das Vater und Mutter nicht kennt und nichts weiß von der Welt. Guth zeigt einen Siegfried, der das fatale Gen zum Helden hat, nicht aber die Persönlichkeit dazu. Der Drachenmord scheint ihn mehr zu reuen als zu freuen, selbst für den ihm widerlichen Mime, den er ebenfalls ersticht, hat Siegfried im Abschied eine zarte Geste.
Das Zusammentreffen von Erda und dem Wanderer lässt Guth rätselhafterweise in einer Bibliothek (bei Wagner: "Wilde Felsengegend") stattfinden, in der die mit einem schönen, aber wenig tragfähigen Mezzosopran gesegnete Deborah Humble unmotiviert als Archivarin eines zerfleddernden Weltwissens agiert. Aus den Büchern, die sie in die Hand nimmt, flattern die Seiten.
Für die textlichen und musikalischen Zumutungen der letzten "Siegfried"-Stunde kann man die Regie nicht haftbar machen. Das Geschwurbel zwischen reiner Liebe (Brünnhilde) und wilder Männlichkeit (Siegfried) zieht sich enorm. Catherine Fosters ge-waltiger Wagnersopran stemmt sich wacker gegen das Anpochen siegfriedlicher Fleischeslust, aber die obsiegt. Guth führt die Zuschauer hier zurück ins letzte Bild seiner "Walküre", wo in latrinenhafter Ungemütlichkeit Brünnhilde ihren von Wotan verordneten Zwangsschlaf im Feuerkreis hält.
Guth kassierte heftige Buhs vom Premierenpublikum. Simo-ne Young, die ihre Philharmoniker durch einen herrlich konturstarken, widerspenstigen und wild wogenden Wagner geleitet hatte, wurde zu Recht gefeiert.
Hamburgische Staatsoper: 22. Oktober, 1., 5., 8., 15. November, www.hamburgische-staatsoper.de