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Theater

02. Februar 2016

„South Pole“ in München: Der Klang der Kälte

 Von Hans-Klaus Jungheinrich
Rasant und siegreich auf Skiern unterwegs: Team Amundsen in "South Pole", uraufgeführt im Nationaltheater in München.  Foto: dpa

Ein großer Wurf: Kirill Petrenko und Hans Neuenfels präsentieren in München die Uraufführung von „South Pole“, dem ersten großformatigen Bühnenwerk von Miroslav Srnka.

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Antarktisches Sommerwetter in München: Schneeregen mit Sturm, später windig-föhnig. Eine gute Einstimmung in die Südpoloper von Miroslav Srnka. Freilich wird man aber auch ein wenig bang um die edlen Stimmen, die für diese Uraufführung aufgeboten sind.

Nicht nötig, denn Belcanto war an diesem Abend nicht angesagt. Der tschechische Komponist hatte das raue Sujet rau vertont. Und das bedeutete für die Singstimmen: viel frenetischer Sprechgesang, wenig Feinnuancierung. Dem in seiner Art mehr lapidaren als elaborierten Vokalstil entsprach die instrumentale Fasson, auf weite Strecken eine plakativ anmutende changierende Klangwand mit viel Glissando rauf und runter und überkreuz, ein teils massives, teils irisierendes Groß-Akkompagnement, das wenig Gelegenheit fand zu figürlicher Ausgestaltung.

Absicht war offenbar, mit musikalischen Mitteln Kälte zu evozieren – Ähnliches gelang etwa Helmut Lachenmann mit den erstarrten Klavierklängen am Ende seines „Mädchens mit den Schwefelhölzern“ oder auch Sergej Prokofjew mit dem „erfrierenden“ Schluss seiner 5. Symphonie. Srnkas Kälte-Exkursionen, mehr auf Dauer angelegt und um Variationsbreite bemüht, kamen durch interessante Instrumentalkombinationen und ungewöhnliche Spielweisen zustande, hatten aber unterschiedliche Prägnanz.

Der weggeschnappte Sieg

„South Pole“ mit dem englischsprachigen Libretto von Tom Holloway erzählt die Geschichte von Kapitän Scott und Roald Amundsen neu. In den zahlreichen (meist englischen) Verfilmungen dieses Stoffes war Scott der Held, Amundsen beinahe der Bad Guy, denn schließlich hatte er seine Expedition bis zuletzt geheim gehalten und Scott mit dem weggeschnappten Sieg wohl auch einen empfindlichen Schmerz zugefügt, der für den Untergang dieses als zweites am Südpol angekommenen Teams mit verantwortlich gewesen sein könnte.

Jedoch, so sind nun einmal die Mythen: Das Scheitern bekommt eine Aureole, der Erfolg ist eine Banalität. Zumal bei einem Amundsen, der im Vergleich zum hochreflektierten Scott eher als tumber Sportsmann und durchtrainierter Apparatschik vorstellbar ist.

Holloway und Srnka schien diese Beleuchtung der Story wohl zu sentimental oder abgestanden. Sie bemühten sich eher um die Konstruktion einer motivischen Parallelität im Zeichen von Vanitas: Das antarktische Abenteuer als Flucht aus dem normalen Leben, unterwegs dann bei beiden Gefühle von Vergeblichkeit, Sinnverlust. Weit weg die Zeiten, als solche Taten noch als nationale Ehrenpflicht gedeutet wurden – zum höheren Ruhme des britischen Empire oder Norwegens. Immerhin teilen die Autoren dem Finale noch einigen psychologischen Feintakt mit, wenn sie dem nun als nachdenklicher Smokingträger auftretenden Amundsen an den toten Scott die generöse imaginäre Botschaft senden lassen: „Der Pol gehört dir“.

Rolando Villazon als Scott, mit einem Mitglied seines Teams.  Foto: dpa

Holloway und Srnka nennen ihr Werk eine „Doppeloper“ (in zwei Teilen). Das ist ein wenig missverständlich, denn es handelt sich ja doch um eine einzige Geschichte mit zwei eng auf einander bezogenen Personengruppen – auch auf dem Marsch zum Pol begegneten sich Scott und Amundsen niemals.

So agieren sie denn auch auf getrennten Bühnenhälften, die einen links, die anderen rechts. Katrin Connan und Hans Neuenfels haben eine wunderbar einfache, dabei höchst sinnfällige Bühnenoptik hergestellt – einen blendend weißen, fast immer grell ausgeleuchteten Bühnenkasten; die antarktische „Nacht“ war nur einmal kurz angedeutet. Aus rechteckigen Kästen im Hintergrund werden die als Helfer benutzten Tiere sichtbar – jeweils sechs stilisierte Ponys (für Scott) und Hunde (für Amundsen), auch durch ein eigenes Instrumentalkolorit (Hörner beziehungsweise Klarinetten) gekennzeichnet. Später werden die Tiere auch akustisch grausam (Revolverschüsse) getötet.

Furchtbar ebenso das gegenläufige Schicksal der beiden Trupps am Schluss: Die todmatten Scottmänner taumeln wie desorientierte Mücken durch die weiße Hölle; Amundsen und seine Getreuern brausen auf Skiern ihrem internationalen Triumph entgegen.

Sängerischer Overkill?

Soll man von einem sängerischen Overkill sprechen? Es hat ja auch Meriten, wenn Stars sich für eine Uraufführung zur Verfügung stellen und sie damit beim breiten Publikum attraktiv machen (die Münchner „South Pole“-Termine sind bereits ausverkauft). Zumal dem Prachttenor Rolando Villazón (hier eher Charaktertenor) war die Freude anzumerken, nach Herzenslust zu chargieren und den tragischen Kapitän Scott in allen erdenklichen Facetten darstellerischer Exaltation zu verkörpern.

Nicht minder imponierend auch der Bariton Thomas Hampson als Amundsen, stimmlich ebenfalls souverän gewichtend und akzentuierend, dabei, im Sinne des Librettos, zwar als echter Wikinger, aber ohne einen Hauch von Bösewicht angelegt. Beide vereinigen sich am Anfang des zweiten Teils zu einem subtil gehäkelten Traum-Duett, ein leiser Höhepunkt.

Traumgestalten auch Tara Erraught als Scott-Ehefrau und die fast noch betörendere Sopranistin Mojca Erdmann als Amundsen-Landsmännin, die lästigerweise immer einen Melkeimer mit sich herumtragen muss. Die aus jeweils vier weiteren Vokalisten bestehenden Mannschaften, durchaus profilierte Persönlichkeiten, sangen oft gewissermaßen aneinander vorbei ins Publikum – ein durchaus probater Hinweis auf die oratorischen Dimensionen des Stückes.

Mehr dazu

„South Pole“ gehört zu den schlichtesten, luzidesten, schnörkellosesten, stärksten Inszenierungen von Hans Neuenfels überhaupt, ein echter Wurf, glücklich die Balance haltend zwischen Realismus und Zeichenhaftigkeit.

Und noch ein Glücksumstand – das Dirigat Kirill Petrenkos, das wohl alles an Sprachfähigkeit, Differenzierung und Klangtransparenz aus der Partitur herausholte, was möglich ist. Und gewiss: In der Opernstadt München ist ja mehr möglich als sonst irgendwo, wenn es um Perfektion, Gediegenheit und Opulenz geht. So konnte Miroslav Srnka mit dieser Adresse für sein erstes groß dimensioniertes Bühnenwerk zufrieden sein: ein heißer Start in die dramatische Südpolkälte.

Bayerische Staatsoper München: 3., 6., 9., 11. Februar. www.staatsoper.de

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