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Theater

01. Februar 2016

„Stiffelio“ an der Oper Frankfurt: Kirche in Schieflage

 Von Stefan Schickhaus
Langhaus, Querhaus, Chor: Die Kirche wirkt wie ein gläserner Schrein, darin in einem kalten Licht Stiffelio (Rusel Thomas) und seine untreue Gattin Lina (Sara Jakubiak).  Foto: Monika Ritershaus

Rarität und starker Stoff: „Stiffelio“ von Giuseppe Verdi an der Oper Frankfurt artifiziell und kühl umgesetzt.

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Ein Versuch war es jedenfalls wert. Als Giuseppe Verdi um 1850 die Oper „Stiffelio“ komponierte, muss ihm eigentlich schon klar gewesen sein, dass er mit diesem Libretto nicht die Zensur passieren wird. Ein Balanceakt war das ja auf jeden Fall im Italien der Verdi-Zeit, denn ein buckeliger Hofnarr namens Rigoletto oder wenige Jahre später eine Prostituierte – oder nennen wir es eine „vom Wege Abgekommene“, eine „traviata“ – gaben ja nicht eben idealtypische Bühnengestalten ab in den Augen der Sittenwächter.

Doch in „Stiffelio“ hatte es Verdi letztlich zu weit getrieben: Ein Priester, verheiratet, seine Frau eine Ehebrecherin, der Priester daraufhin im inneren Kampf zwischen Rachsucht und Berufung, ein Gottesdienst als letztes Bild auf der Bühne mit langem Orgel-Solo – keine Chance, dieser starke Stoff konnte nur verstümmelt zur Welt kommen, blieb daher erfolglos, wurde vom Komponisten bald nur noch als Recyclingmaterial verwendet und war damit weitestgehend vergessen.

Aber der Stoff war und ist gut, die Musik ohnehin. 1968 kam es zu einer ersten Aufführung der rekonstruierten Partitur. Und als dann in den 1990ern in Verdis Villa Sant’Agata weitere Autographe und Skizzen entdeckt wurden, konnte das Puzzle „Stiffelio“ vollendet werden. Womit die Opernwelt einen echten, lohnenden Verdi hinzugewonnen hat.

Die Oper Frankfurt, die das Jahr ja mit Raritäten beginnt (zuletzt gab es hier eine Fioravanti-Komödie, es folgt eine konzertante Aufführung von Verdis erster Oper „Oberto“), hat jetzt dem australischen Regisseur Benedict Andrews und dem französischen Dirigenten Jérémie Rhorer den starken Stoff überantwortet. „It packs a real punch“, so australisch handfest charakterisierte Andrews den Plot um den zerrissenen Priester Stiffelio – um ihn dann aber umso artifizieller, kühler, reduzierter umzusetzen.

Die Glaubensgemeinschaft, der der charismatische Stiffelio vorsteht, ist in Frankfurt eine fundamental-christliche. Mennoniten vielleicht. Jedenfalls sind die Choristinnen in hochgeschlossene bunte Kleider gepackt und die Choristen tragen Blouson zur Krawatte, sie sind alle chronisch gut gelaunt. Ned Flanders aus der US-Serie „The Simpsons“ könnte Pate gestanden haben (Kostüme: Viktoria Behr). Ihre Kirche ist ein gleichermaßen filigraner wie auch enger Bau, Bühnenbildner Johannes Schütz hat ihn multifunktional gestaltet. Man sieht quasi nur die äußeren Umrisse, wie ein Fachwerk. Die Kirche kann in Schieflage geraten, sie kann aufgestellt ein Kreuz ergeben, sie kann Zelle sein, sie kann massiv monolithisch erscheinen oder schwerelos dezent, je nach Lichteinfall.

Dass sich immerfort alles dreht und folglich ein jeder marschieren muss, geht schnell auf die Nerven. Das ist womöglich ein gewünschter Effekt dieses exzessiven Drehbühneneinsatzes, es ist schließlich keine Wohlfühl-Inszenierung.

Im zweiten Akt kommen kalte Beleuchtungseffekte und harte Schattenbilder hinzu (Licht: Joachim Klein), ohne einen noch so kleinen Zug ins Verspielte sich zu leisten. Das Setting ist konsequent und wirkungsvoll, die Personen bewegen sich darin allerdings eher unauffällig.

Ein tenorales Epizentrum: Russell Thomas als Priester Stiffelio, sein Beben hätte ganz andere Kirchen fundamental erschüttern können. Der Tenor aus Miami hat Power und Charisma, klingt intensiv und schön, vermeidet jedes Schluchzen und Stolzieren, ist alles in allem eine Idealbesetzung.

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Auch Sara Jakubiak als untreue Gattin Lina verfügt über allerhand stimmliche Tugenden, kann sich damit aber nicht so recht in Szene setzen. Denn auf der anderen Seite steht ihr Vater Stankar, gesungen vom uruguayischen Bariton Dario Solari, auch er ein Kraftwerk. Als Linas Geliebter Raffaele hat Vincent Wolfsteiner nicht den dankbarsten Part, der Tenor – ein Neuzugang im Frankfurter Ensemble – weiß sich aber bestens zu behaupten. Seine große Stunde wird im Mai kommen, wenn er den Siegmund singen wird in der Wiederaufnahme der „Walküre“ und im Juni dann den Tambourmajor in Bergs „Wozzeck“.

Deftig ging es im Orchestergraben zu, wo der so jung wirkende, aber dann doch schon 42-jährige Pariser Jérémie Rhorer seinen ersten Verdi dirigierte. „Stiffelio“ bietet eine Partitur von beinahe hysterischer Turbulenz, Rhorer betonte diesen Aspekt lustvoll.

Die recht konventionelle Potpourri-Ouvertüre wackelte noch ein wenig, Verdi machte den Einstieg nicht leicht – doch mit fortschreitender Zerrissenheit des Protagonisten fokussierten sich auch die Musiker. Rhorer kommt aus der Alten Musik, mit seinem eigenen Originalinstrumente-Orchester „Le Cercle de l’Harmonie“ hat er schöne Farben in romantisches Repertoire gebracht.

Marc Minkowski und William Christie waren seine Mentoren, man hört deren plastischen, ungeglätteten Zugriff auch jetzt im Frankfurter Graben. Sicher, diesem Verdi hätte man auch mehr Subtilität und Raffinesse abgewinnen können, jedenfalls auch etwas Dezenz in Sachen Lautstärke. Mehr freigesetzte Energie wiederum wäre kaum möglich gewesen.

Das Publikum war begeistert. Zuallererst von Russell Thomas, diesem Klasse-Tenor, und von Sara Jakubiak. Aber auch das Regieteam bekam keinerlei Widerspruch zu hören für diese klarsichtige, ja puritanische Umsetzung eines pointierten Plots. Der sein Ende eigentlich versöhnlich findet: Stiffelio predigt die Kunst der Vergebung. Seine Gemeinde findet das nicht in Ordnung, da endet die gute Laune auch des letzten schnauzbärtigen Blousonträgers.

Oper Frankfurt: 4., 7., 13., 25., 28. Februar. www.oper-frankfurt.de

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