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Theater

01. Februar 2016

„The Fairy Queen“ in Stuttgart: Heiter ist das Leben, ernst ist die Kunst

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Die Lust und das Begehren und warum auch nicht: Susanne Böwe als Titania unter allerlei Liebenden in "The Fairy Queen" am Staatstheater Stuttgart.  Foto: Julian Röder

Ein perfekter Zeitvertreib: Oper und Schauspiel Stuttgart tun sich für einen großartige Produktion von Henry Purcells „The Fairy Queen“ zusammen, inszeniert von Calixto Bieito, musikalisch geleitet von Christian Curnyn.

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Grelle Unernsthaftigkeit regiert den Saal, aber sie betrifft ausschließlich das Leben, nicht die Kunst. Zum Leben gehören die Liebe, das Begehren, das Heiraten, das Nichtheiraten, die Ambition, der Zorn, die Eifersucht, die Gemeinheit, die Hoffnung, das Vergnügen, die Müdigkeit, das Alter. Zum Leben gehört ein ausgeprägter Sinn für kleine Witze und große Keilereien. Zur Kunst gehört die Musik. Bei der Musik hört der Spaß auf oder fängt er an.

Es ist unfassbar, wie das kleine Orchester um den britischen Dirigenten und Cembalospieler Christian Curnyn im Tohuwabohu die Ruhe bewahrt und in Feinabstimmung seine Nummern absolviert. Und wie köstlich gesungen wird beim Abtanzen und Rumküssen, beim Albern- und Frech-, beim Halbnackt und Totalbeknacktsein.

Denn man darf nicht meinen, dass hier irgendetwas ausgelassen wird. Der ersten Reihe werden später noch Bananen angeboten, ein rosafarbenes Kaninchen hat seine Auftritte, und bloße Hintern kommen wirklich mehr als einmal ins Bild. Curnyn und Regisseur Calixto Bieito haben jedoch alles unter Kontrolle, während auf der Bühne Chaos und Dollerei, ewige Pubertät und beharrliche Situationskomik herrschen.

Hand und Fuß hat das aber nicht

An dieser außerordentlichen Gesamtsituation, wie sie sich nun im Stuttgarter Schauspielhaus in einer Koproduktion von Opern- und Schauspielsparte zeigt, trägt auch Henry Purcell, der wunderbare englische Komponist der „Fairy Queen“, eine Mitschuld. Er bearbeitete William Shakespeares „Sommernachtstraum“ in den 1690er Jahren als Semi-Opera (eine Halboper, was so zu verstehen ist, wie es klingt). Er ergänzte die Geschichte dabei um an den Haaren herbeigezogene Allegorien und Nebenhandlungen. Auch ließ er die Haupthandlung weitgehend weg. Nein, setzte voraus, dass das Publikum darüber ohnehin Bescheid wusste.

Jetzt hat die Geschichte nicht mehr Hand noch Fuß, keinen vernünftigen Anfang und im Grunde auch kein Ende. Gleich sind die vier Liebenden schon im Wald, in den sie aus gewissen unterschiedlichen Gründen flohen. Diese Gründe spielen aber keine Rolle, dafür mischen sich die vier Jahreszeiten ins Spiel und ein Pärchen namens Corydon und Mopsa.

Man kann im Folgenden versuchen, dem Gesamtprojekt wieder Sinn zu geben. Man kann mithilfe der Dialogtexte zwischen den Musiknummern einige der Leerstellen auffüllen und Purcells Komposition zu einer Art Bühnenmusik zum Shakespeare-Stück zurechtknautschen. In Stuttgart wählt Bieito aber die Gegenrichtung. Es stört ihn offenkundig überhaupt nicht, wenn das Leben als reinster Quatsch erscheint – da ja die Kunst keineswegs Quatsch ist –, und er denkt sich Bilder und Figuren dazu aus, die er zu einer (mit Päuschen) dreistündigen Revue zusammensteckt, zusammenwirbelt.

Damit es tatsächlich wirbelt (und es wirbelt!), fährt Anja Rabes eine Kostümunzahl auf und hat Susanne Gschwender die Drehbühne bebaut: ein rundes halbtransparentes Podest, auf dem die Musiker sitzen und hin- und weggedreht werden können. Davor bleibt eine nicht besonders große Spielfläche. Getanzt wird auf Purcells unbedingt tanzbare Musik vorzugsweise im Disco-Stil – mit Work-out-Elementen (Choreographie: Beate Vollack) –, der ausgezeichnet eingestellte und integrierte Opernchor ist ganz bei der Sache.

Aus der Gruppe lösen sich zwanglos die exzellenten Solisten, die im verhältnismäßig kleinen Raum leichtes Spiel haben und es nutzen. Und die Schauspieler, die zum Teil ebenfalls erstaunlich gut singen, während die Sänger tanzen wie Tänzer und schauspielern wie Schauspieler: Als „Queen of Secresie“ liefert sich zum Beispiel Mark Milhofer ein sensationelles (natürlich völlig verkichertes) Duett mit Johann Jürgens, der sonst wohl am ehesten Demetrius ist.

Mehr dazu

Es gibt ein paar Orientierungspunkte. Ganz in der Mitte Puck, Maja Beckmann in einer fantastischen Interpretation einer allgemeinen Lieblingsrolle, die aber oft sich selbst überlassen bleibt. Beckmann hingegen fällt schon auf, als vor der Vorstellung im Foyer eine Hochzeit markiert wird und sie mitmachen will, aber auch schnell sauer wird, aber auch nicht richtig dazu passt, obwohl sie ein Blumenkränzlein trägt. Als Oberons Helferchen ist sie solidarisch mit ihrem Chef, aber das meiste will ihr nicht gelingen. Was aber auch wieder egal ist, wenn Protagonisten ohnehin nach Gusto bezaubert und beträufelt werden.

Auch das Paar Oberon und Titania mendelt sich bald heraus, Michael Stiller und Susanne Böwe, ein schillerndes Paar (hier ohne Entsprechung in der Welt außerhalb des Waldes). Da es keine Handwerker gibt, muss als Esel ein gewisser Eberhard aus dem Publikum herhalten, ein stoischer Statist. Alles ist nämlich völlig unreif, aber ausgereift. Am Ende jener Jubel, von dem ein Theater oft nur träumen kann.

Staatstheater Stuttgart, Schauspielhaus: 2., 5., 7., 11., 13., 19., 22. Februar. www.staatstheater-stuttgart.de

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