Indem Ben Jonson dafür sorgt, dass die Lumpenkerle am Ende martialisch bestraft werden, tut er bloß einer gesellschaftlichen Verpflichtung Genüge. So ungeschoren darf das Böse am Ende nicht siegen, auch wenn das selbstredend vorkommt. Aber nicht auf dem englischen Theater um 1600.
Wir hingegen sind nicht um ein paar Jahrhunderte desillusionierter (Jonson machte sich durchaus keine Illusionen), aber doch zwang- und hemmungsloser. Also kann in Wiesbaden jetzt Volpones linke Hand Mücke zuletzt seine Vampirzähne an den zarten Hals der schönen Celia setzen. Etwas mehr als 111 Minuten sind vergangen, seit Herbert Fritsch hineingeblendet hat in die Missetaten Mückes und seines Chefs.
Tüftelei und Enthemmung
Der ehemalige Frank-Castorf-Schauspieler ist am Staatstheater bereits mit einem völlig ausgeflippten "Spielbank"-Abend hervorgetreten. Auch sein "Volpone", gespielt in der gepflegten Übersetzung von Stefan Zweig, die Sabrina Zwach wieder etwas ungepflegter gemacht hat, ist eine fabelhafter Mixtur aus Tüftelei und Enthemmung. Auf die karnevalistisch abgemessene Länge käme er nämlich, wenn er genau mit dem Ende von Ingo Günthers Musik vorbei wäre. Auf 111 Minuten streckt sie den "Winter"-Satz aus Vivaldis "Jahreszeiten" (wie zu lesen, wenn auch nicht zu hören war). Dazu bilden sich erst ein, dann zwei, dann immer mehr computergenerierte Blümelein an der Rückwand der Bühne, die im Laufe der Zeit zum rasenden Gewölle werden. Auch die Handlung bewegt sich zum vermehrten Chaos hin, aber regelrecht geordnet waren die Verhältnisse vermutlich zuletzt vor der Entstehung des Menschen.
Und wahrlich, die Schauspieler in diesem kuriosen Konstrukt von 111 Minuten und einer zunehmend geblümten Wand laufen von Anfang an auf Hochtouren. Volpone ist Rainer Kühn, der Spinnenmann, der seinen langgliedrigen Körper klappt, wie die Umstände (Verbrechen) es erfordern, und dem die Freude am Schurkischen, betrüblicherweise gar die intellektuelle Freude am Schurkischen, aus jedem Glotzauge springt. Mücke ist Wolfgang Böhm im Harlekin-Strampelanzug, ein durchtriebenes Burschi, das seinem Herrn das Wasser reicht (und die mit Apfelsaft gefüllte Urinflasche, auf dass es das Publikum grause). In der Umgebung finden sich nur Schufte, und wer brav ist, ist leider zugleich dumm. Den Richter lenkt heftiges Sodbrennen von der konzentrierten Arbeit ab.
Das ist zwar ein bisschen wie aus der Commedia dell´arte gehüpft, aber das trifft den Kern der Sache nicht. Den Kern der Sache trifft eher, dass diese Leute wahnsinnig sind und dabei herumgeschoben werden wie von Gotteshand, in echt aber von ihrer abgrundtiefen Schlechtigkeit. Wenn es eng wird, knäulen sie sich wie eine Herde Schafe. Der Mensch ist ein böses Tier.
Staatstheater Wiesbaden: 13. November, 12., 25. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de