Vor unseren Augen: Eine karge Landschaft. Kein Busch, kein Strauch, nicht einmal ein Grashalm. Nur ein einziger kahler Baum mit wenigen, bereits morschen Ästen. Die Szenerie ist von grauen, glatten, zwar steilen, aber nicht sehr hohen Felsen eingerahmt, durch die sich ein schmaler Weg schlängelt, der auf eine kleine Gabelung führt, die ersichtlich an jene Kreuzung erinnern soll, an der einst Ödipus seinen eigenen Vater erschlagen hat.
Dort vorne, in der Nähe des Baumes, wird ein älterer Mann im dunklen, schäbig verstaubten Anzug sichtbar, der auf einem Felsbrocken sitzt und ebenso angestrengt wie vergeblich versucht, sich seine halbhohen Schnürschuhe von seinen geschwollenen Füßen zu streifen. Wenig später kommt ein zweiter Mann hinzu, ähnlich angezogen, ebenfalls mit einer abgetragenen, schäbigen Melone auf dem Kopf. Zwei Tramps aus der amerikanischen Geschichte. Es ist anzunehmen, dass sie einmal bessere Zeiten gesehen haben.
Estragon und Vladimir, Samuel Becketts legendäre Helden, sind auf die New Yorker Bühne zurückgekehrt, um, nach einer längeren Pause, wieder einmal auf Godot zu warten. Und warten, das heißt, sich mit sinnlosen Spielchen die Zeit vertreiben. Sie erwägen sogar, sich aufzuhängen, denn da, schwärmt Vladimir, "geht noch mal einer ab". So, ihr Resümee, ist "die Zeit vergangen", nur, das wissen sie auch, "sie wäre sowieso vergangen".
Ihre Zeit allerdings scheint wieder da zu sein. Die Botschaft, auf Englisch von wunderbarer Zweideutigkeit, kommt wieder an. "Nothing to be done", lautet der erste Satz des Stückes. Es gibt nichts zu tun, aber es ist auch nix zu machen, also nichts auszurichten. Eine klare, vieldeutige und offenbar treffende Aussage.
Becketts Drama, 1950 entstanden und 1953 in Paris uraufgeführt, hatte einen Triumphzug um die Welt angetreten. In Gogo und Didi, den beiden Clochards, hatte sich eine ganze Epoche wiedererkannt. Die Folgen der jüngst vergangenen Geschichte waren hier in einer Metapher verdichtet worden. Was Faschismus, Krieg und Holocaust, was die Zerstörung der alten europäischen Kultur in den Köpfen der Menschen angerichtet hatte, das wurde damals auf den Bühnen dieser Welt in den beiden von Gott und der Welt verlassenen Figuren sichtbar.
Unterbrochen wird das Warten durch das Auftauchen eines weiteren Pärchens, das buchstäblich untrennbar miteinander verbunden ist: Pozzo und sein Diener Lucky. Günther Anders sah in diesen Gestalten die Verkörperung der Hegelschen Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft. Und Beckett? Der schwieg zu alledem, nannte seine Stücke zuallererst ein "Spiel" und bevorzugte in seinen eigenen Inszenierungen eine komödiantische Darstellungsweise.
Anthony Page, der Regisseur der vom Publikum begeistert aufgenommenen Broadway-Aufführung im Studio 54 der Roundabout Theatre Company, setzt genau hier wieder an. Estragon und Vladimir werden von Nathan Lane und Bill Irwin, zwei gestandenen Komikern und Tony-Award-Gewinnern, gespielt. Und zwar mit ersichtlicher Lust und ebenso ernsthaft wie komisch. John Goodmans prächtiger Pozzo, von imposanter Statur, ist buchstäblich eine Wucht. Wäre Altbundeskanzler Kohl nicht kürzlich im Rollstuhl öffentlich ausgestellt worden, ich hätte geschworen, er hätte hier seine eigentliche Rolle gefunden. Drei Zentner Macht, skrupellos ausgespielt.
Lucky, der Diener, nur noch Kreatur, selbst seine Denkfähigkeit ist hörbar eingeschränkt, schleppt nicht nur das Gepäck seines Herrn, sondern, am langen Seil, auch ihn selbst hinter sich her. Wenn man die beiden sieht, weiß man, warum Brecht "Godot" auf die Bühne bringen wollte.
Im zweiten Akt, wenn das Paar wiederkommt, haben sich zwar die Voraussetzungen verändert, aber nicht die Verhältnisse. Pozzo, blind geworden und hilflos, kann seine Herrschaft kaum mehr nutzen. Doch dem Knecht, Lucky, ist damit keineswegs geholfen. (Wer will, kann hier ein Sinnbild der gegenwärtigen Krise sehen.) Regisseur Page setzt noch einen weiteren neuen Akzent. Der gestürzte Pozzo liegt (wie ein Manager eines Detroiter Auto-Konzerns) hilflos am Boden. In einer grotesken Slapstick-Szene versuchen zunächst Vladimir, dann auch Estragon der vormaligen Macht-Hülle zumindest erst einmal wieder auf die Beine zu helfen.
Diese Szene, eindeutig nur in ihrer grotesken Komik, zeigt die faszinierende Stärke der Inszenierung. Alles bleibt komisches Spiel. Schon das Bühnenbild(Santo Loquasto), ebenso naturalistisch wie abstrakt, nimmt den Grundgedanken von Becketts Dramatik auf, die Reduktion. Am Ende wird es dunkel und der Mond erscheint am Himmel. Vladimir sagt: "Komm, wir gehen." Estragon antwortet: "Gehen wir." Die Regieanweisung lautet: Sie bewegen sich nicht von der Stelle.
So ist es. Wer will kann hinter der vermeintlichen Zeitlosigkeit jederzeit, und ganz konkret, Geschichte sehen. Unsere Geschichte. Das New Yorker Publikum hat das offensichtlich erkannt und zu Recht bejubelt.
Studio 54, Roundabout Theatre
Company, New York: bis 12. Juli.