Nichtlottospielern kann es passieren, dass sie einmal im Leben sechs Kreuze machen und felsenfest davon überzeugt sind zu gewinnen. Die Unwahrscheinlichkeit lässt sich berechnen, aber die Fantasielosigkeit ist stärker als die sich daraus ergebende irrwitzig hohe Zahl. Lottospieler Rudi weiß es längst besser und bleibt doch beharrlich dabei. Und weil Sabine Thieslers Stück „Lottoglück“ heißt, hat er kurz vor der Pause sechs Richtige. Rudi und seine Frau sitzen still da und versuchen, keinen Herzanfall zu bekommen.
Nach der Pause zeigt sich, dass sie 1,4 Millionen Euro gewonnen haben. 14, 19 oder 100 Millionen wären allerdings besser. Denn Rudi, Heinz Harth demonstriert das im Volkstheater Frankfurt eindrucksvoll, ist ein komplizierter, zu Ingrimm und Verzweiflung neigender Typ. Als Polier hat er sich keine goldene Nase verdient, aber den Rücken vermurkst. Sein Misstrauen in die gesetzlichen Sozialversicherungen sitzt zudem tief. Er hat sich ausgerechnet, dass er und seine Frau mit dem Gewinn (abzüglich der Harley-Davidson und einiger anderer kleinerer Anschaffungen) bis zu ihrem Lebensende auskommen können, wenn sie 44,67 Euro am Tag ausgeben.
Aber „Lottoglück“, von Wolfgang Kaus ins Hessische gebracht, ist nicht nur ein folgerichtig sich entwickelndes Stück über das Problem, immer noch nicht genug Geld zu haben. Es erzählt auch unterhaltsam vom Graus des Familienlebens in einem verdammt realistischen Wohnzimmer von Rainer Schöne, in dem Luca Zamperoni mit Freude an der Gemeinheit inszeniert. Der Vater ist also dauerhaft verdrießlich. Die Mutter rettet sich ins Glück der perfekten Ernährerin. Ulrike Neradt spielt sie, die Kabarettistin und Sängerin, so dass sie – wie weiland Manfred Krug – bei jeder Gelegenheit singt. Die Tochter, Verena Wüstkamp, ist nett, aber verheiratet. Der Schwiegersohn, Steffen Wilhelm, ist beamteter Lehrer, was Anlass zu dermaßen vielen Lehrerwitzen gibt, dass beamtete Lehrer sich schier ärgern müssen. Wo längst alle Welt weiß, wie viel beamtete Lehrer zu tun haben. Der Schwiegersohn im Stück trägt es mit jenem Phlegma, das man sich leisten können muss.
Momente des wahren Gemeinschaftssinns sind hier nur nach viel Alkohol möglich. Heinz Harth tanzt dann auch, Sie glauben es nicht. Und die Moral von der Geschichte klingt protestantisch, hängt aber vom Kontostand ab. Die Botschaft, dass es das Beste ist, Arbeit zu haben – außer man hätte noch viel mehr Geld –, wer wird ihr widersprechen.
Volkstheater Frankfurt: bis 28. Mai. www.volkstheater-frankfurt.de