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40 Jahre Grips-Theater: Mit der Zweiten fährt man besser

Kein bisschen greise: "Die Linie 1" ist inzwischen so etwas wie das Brandenburger Tor unter den Musicals in Berlin. Der Autor ist mitunter versucht, sein Stück zu verfluchen. Von Antje Hildebrandt

Ein Kick für die  Linie 2, hier  von  Nina Reithmeier.
Ein Kick für die "Linie 2", hier von Nina Reithmeier.
Foto: dpa

Der Volker hatte die Faxen dicke. Da hat er "sein Baby", das Grips-Theater, nun 40 Jahre lang gegen alle Kritiker verteidigt. Gegen rechte Eiferer, die ihm prophezeiten, er, der kommunistische Jugendverderber, ziehe einen Haufen politischer Psychopathen heran. Gegen linke Fundamentalisten, denen er nicht maoistisch, leninistisch oder wie auch immer radikal genug war.

Hatte erlebt, wie landauf, landab plötzlich eine staatliche Bühne nach der anderen seine Idee aufgriff und Theater für eine Zielgruppe machte, die bis dahin alle Jahre wieder mit dem obligatorischen Weihnachtsmärchen abgespeist wurde. Für Kinder und Jugendliche. Und welche Frage musste er schon seit Jahren gebetsmühlenhaft immer wieder beantworten: "Wann gibt es endlich eine Fortsetzung der "Linie 1! - wie bei Rocky, I bis IV"?

Seit 1986 spielt das Grips-Theater nun schon das Musical, das von der Odyssee eines Mädchens aus der Provinz mit der U-Bahn-Linie 1 durch den Berliner Untergrund erzählt. "Die Linie 1" ist inzwischen so etwas wie das Brandenburger Tor unter den Musicals in Berlin. Die Aufführungen sind noch immer ausverkauft.

Der Dauerrenner schaffte es sogar bis nach New York, Seoul oder Kalkutta. "Meine Lebensversicherung" hat Volker Ludwig, inzwischen Deutschlands meistgespielter Autor im Ausland, das Stück einmal genannt. Und es im gleichen Atemzug verflucht. Sein Grips-Theater, das war ein eigenes Universum. Rebellisch. Anarchisch. Bunt. Eine Gegenwelt zu den klassischen Bühnen, wo die Großen vor Goethe auf die Knie sanken und die Kleinen als Statisten auftraten - wenn überhaupt.

Zum 40. Geburtstag des Theaters hat sich der 72-Jährige jetzt doch einen Ruck gegeben und ein neues Berlin-Musical geschrieben. Es heißt "Linie 2 - Der Alptraum", doch wer eine Fortsetzung erwartet hatte, unterschätzt den subversiven Humor des Autors. Der verrät grinsend, der Titel habe schon festgestanden, bevor er sich an die Arbeit gemacht hätte. Er hätte gewissermaßen nur das Stück zum Titel geschrieben.

Damit erst gar keine Missverständnisse entstehen: Die "Linie 2" ist keine Verlängerung der "Linie 1". Statt der Versuchung zu erliegen, sich ein Denkmal zu setzen, entledigt sich das Relikt der 68er-Bewegung seiner Patina, indem es sich parodiert. Das Stück erzählt, wie der Erfolg der "Linie 1" seine Protagonisten verändert. Der Junge im Mantel (Jens Mondalski), eine der Figuren aus der "Linie 1", will sich umbringen.

Seit 23 Jahren schon spielt er den verklemmten Dichter im Trenchcoat, der in der U-Bahn einem schönen fremden Mädchen hinterherjagt, fünfmal im Monat, 50 Mal im Jahr. Immer wieder hat er sich in seine Bühnenpartnerin verliebt. Immer wieder wurde die weibliche Hauptrolle umbesetzt. Immer wieder blieb er auf seinen Gefühlen sitzen.

Zu allem Überfluss, so steht es im Skript, hat "der Volker" das Stück an einen Unterhaltungskonzern verkauft. Die Darsteller, die den Absprung nicht geschafft haben, dürfen ein Gnadenbrot im Bettlerballett der "Linie 2" fristen - wenn sie Glück haben. Das Leben in dieser U-Bahn ist um einiges härter als in der "Linie 1". Schwerbewaffnete Kontrollettis machen Jagd auf Schläger, und an der Haltestelle "Arbeitsamt Mitte" muss man Wartemarken ziehen.

Fast drei Stunden dauert die kratzbürstige Hommage an das Grips-Theater. Doch auch, wenn man dort noch wie vor 40 Jahren auf harten Bänken sitzen muss, vergeht diese Zeit wie im Flug. Es gibt ein Wiedersehen mit bekannten Figuren aus Grips-Stücken.

Jörg Westphal lässt sich in der Karikatur des Erziehers aus "Mensch, Mädchen!" von Gören über den Spielplatz jagen. Stephanie Schreiter, die überbesorgte Mama aus "Wehr Dich, Mathilda", schärft ihrer Tochter ein: "Sei achtsam mit fremdem Eigentum, Kind!" Und Dietrich Lehmann trägt den reaktionären Geist der Wilmersdorfer Witwen aus der "Linie 1" in den Osten.

Und dann ist da noch die Band. Die schönsten Hits aus 40 Jahren Grips verquirlt sie zu einem Potpourri. "Wir werden immer größer". "Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind." Oder die ergreifende Ballade: "Hey, Du." So klingt er also, der Soundtrack zu der Generation Tigerente. Ewiggestrig? Nein, das sind nur die Kalauer über Bonzen und Neoliberale, die sich "der Volker" nicht verkneifen konnte. In seinem Herzen ist er immer Kabarettist geblieben. Einer, der mal davon geträumt hat, die Welt über das Kindertheater verändern zu können.

Mit der Zweiten fährt man besser? Ach was, seine Lebensversicherung zu opfern, das traut er sich nicht mal auf der Bühne. Der Verkauf der "Linie 1" platzt. Dem Happy End steht nichts mehr im Weg: Alles bleibt wie immer. Bloß schlimmer.

Autor:  Antje Hildebrandt
Datum:  21 | 10 | 2009
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