Herbert Achternbusch und Luk Perceval: Das bedeutet bayerisch-anarchische Utopie und Versponnenheit auf der einen Seite, Reduktion aufs Elementare und körperbetonte Archaik auf der anderen. Zwei in ihrer Konsequenz extreme Vertreter zeitgenössischen Theaters, ein seltsames Paar, aber nicht neu bei Frank Baumbauer. 2001 eröffnete dieser seine Intendanz an den Münchner Kammerspielen mit der Achternbusch-Uraufführung "Daphne in Andechs", um kurz darauf Percevals legendäre "Schlachten!" nach München zu holen und 2003 das renovierte Schauspielhaus mit Percevals radikal bearbeitetem "Othello" zu feiern.
Wieder sind es diese beiden, die nun das Ende der Ära Baumbauer markieren: Achternbuschs fast 30 Jahre altes Stück "Susn", Selbstbefreiungsversuch einer Unschuld vom Lande. Und Percevals Inszenierung "Kleiner Mann - was nun?" nach Hans Falladas Roman von 1932, Überlebensversuch eines gebeutelten jungen Paares. Menschen am Abgrund, überall.
"Kleiner Mann..." 27. April, 4., 24. Mai. "Susn" 27. April, 4., 5., 10., 11. Mai.
Ein gewaltiges Orchestrion mit Pfeifen und Trommeln, Akkordeon und Metallophon, Triangel und Klavier dominiert wie ein Hochaltar die leere Bühne, die in "Kleiner Mann - was nun?" aber zu einer Kirche der Angst werden muss. Dabei verbreitet so ein Musikautomaten-Wunderwerk doch sonst Jahrmarktszauber. Nun steht es da wie ein unzeitgemäß fröhliches Relikt der frühen technischen Machbarkeit. Auch Lämmchen und Pinneberg, hätten - unter normalen Umständen - durchaus lösbare Probleme. Lämmchen ist ungeplant schwanger, Pinneberg verdient nicht schlecht, man könnte heiraten und glücklich werden. Die Zeiten aber, die frühen 30er Jahre, die sind nicht normal. Auf Börsenkrach folgen Bankenkrise und Arbeitslosigkeit, und das kommt uns derzeit leider allzu bekannt vor.
Perceval hat den Roman so geschickt bearbeitet, dass rezitierende und szenische Passagen nahtlos und unterhaltsam ineinander übergehen. Paul Herwig und Annette Paulmann verkörpern das Paar temperamentvoll und unverträumt, mit all den Zweifeln und dieser großen, aufrichtigen Zuneigung. Die Truppe um sie herum verwandelt sich spielend in Mitstreiter, Miesmacher, Verräter. André Jung etwa in einen hinterhältigen Unternehmer, Wolfgang Pregler in einen bestechlichen Personalvorstand, Hans Kremer in einen gerissenen Gönner. Wackere Arbeiter- und Werbelieder singen sie, die klingen wie das Pfeifen im Walde. Über allem flimmern Bilder aus Walther Ruttmanns "Berlin, die Sinfonie der Großstadt".
Was das Publikum sich einst - nach "Schlachten!" - von "Othello" erwartet haben mag, bekommt es jetzt: Perceval macht klassisches Erzähltheater, das trotz seiner epischen Ausmaße von über vier Stunden nie langatmig wird. Eine Geschichtsstunde, die alles lehrt, was man wissen muss über den damaligen Zustand der Gesellschaft, über Nazis, Kommunismus, einen skrupellos gewordenen Kapitalismus. Ohne Lüge zu leben, das sei der einzige Luxus, den sie sich leiste, sagt Lämmchen. Von ihrem und Pinnebergs Optimismus kann man in der heutigen Krise - zumal in gefestigten demokratischen Strukturen - lernen.
Mit Achternbuschs Susn und ihrem Leben allerdings verhält es sich eher wie mit jenen Spielautomaten, die gern in Provinzboazn neben dem WC vor sich hinflackern: Irgendwer hat sie da hingestellt, jetzt wollen sie gefüttert werden mit Münzen und einer unbestimmten Sehnsucht. Susn, die Amateurdichterin aus dem Bayerischen Wald, versucht ihr Glück mit diesem billig aufreizenden Leben, geht auf Risiko, aber gewinnt das Spiel nicht. Eher wird sie selbst gespielt und benutzt, zum Beispiel von Herbert, dem Schreiber, der ihr Leben ausschlachtet.
Vielleicht steht deshalb auf Nina Wetzels Bühne im Werkraum der Kammerspiele ein Videospiel-Automat herum, legen sich Spielhallen-Geräusche über die Szene, die vor projizierten leeren Landschaften Provinz-Charme atmet. Regisseur Thomas Ostermeier beweist großes Gespür für die Tragik dieser gescheiten, gescheiterten Susn, die Brigitte Hobmeier mit Haut und Haar spielt. "Kunst", sagt sie am Anfang, "kunst die ned anständig verabschieden? Servus... ." Der Satz, der nicht in dieser Fassung von 1987 steht, umreißt es gut: Um Kunst, ihre regionale Verwurzelung und Verwirklichung, um Abschied und eine Lebensbilanz geht es.
Zehn Jahre liegen jeweils zwischen den vier Szenen. In der ersten kniet die 16-Jährige vor einem Frisiertisch und flüstert ihrem Beichtvater die verstörenden Beobachtungen und Wünsche ins lüsterne Ohr. Eine Videokamera hängt an ihren Lippen, die arglos die Beschreibung der sündigen Umgebung formen. Mit 26 liest sie in Unterwäsche ihre eigenen Sinn und Freiheit suchenden Verse, während ein Gewitter sie lautstark liebkost. Mit 36 macht sie ihrem Freund Herbert Vorhaltungen, der sie im Bett so lieblos traktiert wie die Schreibmaschine vor sich. 46 ist sie, als sie besoffen vor ihrem Herrgott sitzt - und aussieht wie 66. Mit Perücke, dicken Strümpfen und Menthol-Gutti macht sie leider die Utopie der jüngeren Susn lächerlich.
"Kunst", sagte Achternbusch einmal, "kommt nicht von Können, sondern von Kontern." Diese sinnlich-zarte Aufführung ist, bis auf ihr allzu billiges Ende, eine einzige Konter gegen verkrampftes Kunst-können-Wollen. Zusammen mit "Kleiner Mann ..." aber formuliert sie ein mehr als anständiges, ein wunderbares "Servus".