Theater

14. Januar 2013

Andres Veiel: Premiere von Bankerstück „Das Himbeerreich“

 Von Judith von Sternburg
Ulrich Matthes löckt wider den Stachel.  Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Andres Veiels „Das Himbeerreich“, vor der Premiere bereits herbeigesehnt als das große Erklärstück zur Finanzkrise, wird in Stuttgart uraufgeführt. Es zeigt sich: „Das Himbeerreich“ ist auch nur ein Theaterstück.

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Das Merkwürdige ist, dass das meiste von dem, was die Banker hier sagen – zur Erklärung, zur Anklage (meist der anderen, manchmal auch ihrer selbst) oder aus Angeberei –, sich zwar interessant liest, aber im Kern nichts Neues bringt. Vor vier Jahren hätte dem Leser vermutlich noch das Herz gestockt. Dass das Operieren mit sehr hohen Geldsummen anderer Leute Größenwahn verursacht, ist aber nurmehr ebenso wenig eine Überraschung wie der Hinweis, dass Banker überdurchschnittlich karriereorientierte Arbeitnehmer sind.

Und dass Banker unter Stress arbeiten, selbst gewählt, aber enorm. Und dass auch sie unter Umständen zu Opfern der Krise werden. Und dass auch sie häufig nicht verstehen, was sie tun. „Wir müssen permanent Entscheidungen treffen in einem Bereich, den niemand wirklich durchdringt …“ Und dass das auch keiner ihrer Vorgesetzten von ihnen erwartet. Dass es vielmehr darum geht, den Verhandlungspartner so weit zu desorientieren, dass er zustimmt. Dass Anglizismen dabei nützen: überlegen zu klingen und unverständlich zu bleiben, aber keiner wagt es, nachzufragen. Dass die Politik aus Sicht der Banker die beschriebenen Geschäfte, darunter das „Ausrauben ganzer Bevölkerungen“, erst möglich macht. Dass die Banker selbst darüber staunen, was ihnen alles erlaubt wird.

Wenn Banker davon sprechen, klingen sie durchaus wie empörte Bürger bei den Frankfurter Römerberggesprächen. „Das ist alles bekannt. Warum wird da niemand wütend?“, sagt Skeptiker Kastein in Andres Veiels „Das Himbeerreich“, vor der Premiere bereits herbeigesehnt als das große Erklärstück zur Finanzkrise. Dabei wird in erster Linie deutlich, wie gut die Öffentlichkeit bereits im Bilde ist. Es hilft nur alles nichts. Und sich von Menschen etwas erklären zu lassen, die selbst nicht verstehen, was genau vor sich geht, hilft ebenfalls nichts.

Vielleicht überrascht noch am ehesten, dass sie so offenherzig sind. Zwischendurch wittert man die Logorrhoe des gewöhnlich zur Diskretion gezwungenen Angestellten. Manchmal denkt man: Glauben Banker ernsthaft, all das sei nur in ihrem Beruf so? Neben der Offenheit besticht die Eloquenz. Was sich etwas relativiert, wenn einbezogen wird, dass Veiel mit zwei Dutzend Informanten gesprochen hat und nach eigener Schätzung etwa drei Prozent des Materials verwendet. Und wenn einbezogen wird, dass die Informanten ja gerade nicht bereit waren, sich öffentlich zu äußern.

Kein spektakulärer Dokumentarfilm

Darum ist „Das Himbeerreich“ kein spektakulärer Dokumentarfilm, sondern ein schlichtes Theaterstück. Eigentlich gar kein Theaterstück. Sondern ein Lesetext, der auf einer Bühne vorgetragen wird, wo fünf Schauspieler und eine Schauspielerin fünf Banker und einen Chauffeur spielen. Gut spielen, aber halbherzig dabei wirken. Als wüssten alle Beteiligten, dass die meisten Zuschauer dieses eine Mal im Leben nicht die guten Schauspieler sehen wollen, sondern die Banker.

Die Uraufführung der Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin war jetzt am Staatstheater Stuttgart zu sehen, in Veiels Heimatstadt und von ihm selbst inszeniert. Dabei unternimmt er redlich den Versuch, doch noch das Theaterstück daraus zu machen, das es nicht ist. Michaela Barth übertreibt es mit den Kostümen nicht, sie sind gediegen, aber nicht poliert. Julia Kaschlinski stellt nur drei Bürostühle in den tiefen schwarzen Raum, einer davon sichtlich teurer als die anderen. Hinten gibt es eine Tür wie zu einem Riesenfahrstuhl, tatsächliche Glasaufzüge rechts und links, in denen die Figuren „einschweben“ können, wie es im Text vorgesehen ist. Die Aufzüge machen ein angenehmes Geräusch, auch wenn die Türen von Hand geöffnet werden müssen. Und auch wenn sich im Laufe der hundert Minuten zeigt, dass die Szene im Keller, nicht in den Vorstandsetagen eines Bankenturms spielt.

Das glaubt ihnen kein Mensch

Dass es keine Handlung gibt und geben kann, wird durch einen dramaturgischen Aufbau leicht verschleiert. Susanne-Marie Wrage als straffe Erfolgstype Manzinger wird zur „betrogenen Betrügerin“ und am Ende selbst abgesägt, während sie zuvor noch aus ihrer Verachtung für die älteren Herren kein Hehl machte: Ulrich Matthes als Wider-den-Stachel-Löcker Kastein, Joachim Bißmeier als eitler Herr von Hirschstein, Sebastian Kowski als leicht verlegener Polterer Modersohn, Manfred Andrae als am deutlichsten müder Banker a. D. Prototypen sie alle. Veiel lässt sie einander zuhören und ansprechen, aber das nimmt ihnen kein Mensch ab.

Als Zuhörer geeignet ist hingegen Jürgen Huth, der Fahrer Hinz, der mit dem töricht geöffneten Mund der ernstlich Lauschenden bei der Sache ist. Der Chor, eine Art Computerstimmenchor aus dem Off, ergänzt ein anekdotisches Allerlei aus dem Vor- und Privatleben der Banker. Das sind Leute wie du und ich, was sonst.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, sich den Text aus dem Munde von Schauspielern anzuhören. Aber es stellt sich kein zusätzlicher Wert ein, stattdessen tritt der Verlust (nicht den Bankern in einem Dokumentarfilm von Andres Veiel zuhören zu können) scharf zutage. Selbst die abstrus wirkenden Sicherheitsmaßnahmen angesichts einer möglichen Belagerung durch Demonstranten entsprechen in etwa den Vorkehrungen angesichts der Frankfurter Occupy-Tage. Gegen seine Gewohnheit hat das Theater nichts beizutragen, was aufschlussreicher wäre als die Realität. Was aber draußen übermächtig wirkt, ist im Theater dürftig.

Schauspiel Stuttgart, Große Bühne im „Nord“: 24.-26., 31. Januar 2013. www.staatstheater-stuttgart.de

Deutsches Theater Berlin: 16., 17., 23., 28.1.2013. www.deutschestheater.de

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