Im Jahr 1978 wurde Argentinien Fußballweltmeister, das weiß auch in Deutschland jeder Erwachsene, der als Kind Panini-Bilder für sein Sammelalbum getauscht hat. Dass Argentinien 1978 eine Diktatur war, war uns damals nicht so wichtig. Auch der Mann auf der Bühne erwähnt es nur beiläufig; für den Jungen, der er damals war, stand im Vordergrund, dass die Mutter beim Freudenfest auf der Straße nicht mehr den Vater umarmte, sondern den neuen Lebensgefährten.
Das ist das Prinzip von Lola Arias´ Theaterabend "Mi vida después" (Mein Leben danach): Die 32-jährige argentinische Regisseurin verknüpft die jüngste Geschichte ihres Heimatlandes mit den Familiengeschichten ihrer sechs Darsteller, alle zwischen 1972 und 1983 geboren. Da ist Mariano (Mariano Speratti), dessen Vater Peronist war - und ein großer Autonarr. Carla (Carla Crespo), die heißt wie ihr Vater Carlos, der für die revolutionäre ERP im Untergrund kämpfte. Blass (Blass Arrese Igor), dessen Vater Priester war, bevor er sechs Söhne zeugte. Oder Vanina (Vanina Falco), die die Lieblingstochter ihres Vaters war, bevor sie ihm erzählte, dass sie eine Frau liebt und herausfand, dass er bei der Geheimpolizei war.
"Mi vida después" ist in diesem Frühjahr in Argentinien uraufgeführt worden und erlebte jetzt seine Premiere beim Hamburger Sommerfestival "auf Kampnagel", das seit seinem Neustart im vergangenen Jahr unter der Leitung von Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard und Festivalkurator Matthias von Hartz wieder explizit auf politisches Theater setzt.
Zwar beschäftigt sich Arias nicht direkt mit der globalen Wirtschaftskrise und der Konsumkritik, die Matthias von Hartz zu den Leitthemen des diesjährigen Programms erklärt hat - wer es direkter mag, kann sich zum Beispiel an den schön detailgetreu aus Holz nachgebauten Porsche Cayennes erfreuen, die im Kampnagel-Foyer splitternd aufeinander gekracht sind, oder Revernd Billys "Stop Shopping"-Messe besuchen -, aber er hat auf jeden Fall einen Coup gelandet. Denn Arias gilt als neuer Shootingstar des argentinischen Theaters, und von Hartz hat sich die europäische Erstaufführung von "Mi vida después" gesichert, das danach noch bis Dezember von Festival zu Festival weitergereicht wird. Im September inszeniert Arias außerdem ein neues eigenes Stück an den Münchner Kammerspielen, "Familienbande" heißt es. Bekannt geworden ist sie hierzulande erstmals mit "Airport Kids", das sie mit Stephan Kaegi vom Theaterkollektiv Rimini Protokoll entwickelt hat. Darin erzählen Kinder von den persönlichen Auswirkungen der Globalisierung auf sie - etwa wenn der Manager-Vater mit der Familie ständig von Land zu Land zieht.
Authentizität ist also das Stichwort, wenn diesmal echte Schauspieler auf der Bühne stehen, sind sie doch auch Betroffene, erzählen offenbar ihre eigenen, wahren Geschichten. Der Regisseurin Arias reichen dafür einfachste Mittel: ein Armee-Hemd, eine Soutane, ein paar Retro-Klamotten, mit denen sich die Schauspieler in ihre eigenen Väter und Mütter verwandeln. Dazu vorne ein Mikrofon und im Hintergrund eine Leinwand, auf die Familienfotos projiziert werden oder auch mal eine Landkarte. Eine Autofahrt wird auf vier Stühlen nachgestellt, und jeder hilft bei Bedarf in der Geschichte der anderen als Darsteller aus.
Zum Schluss darf auch noch Marianos Sohn auftreten und mit einer Wasserpistole herumspritzen - er ist heute so alt wie Mariano damals, als sein Vater, der Peronist, entführt wurde und für immer verschwand. Und die alte Schildkröte von Blass´ Vater, die angeblich wahrsagen kann, wird befragt, ob es in Argentinien eine weitere Revolution geben wird, irgendwann. An diesem Abend kriecht das Tier entschlossen auf die Antwort "Ja" zu.
So bewegt sich der Abend sehr sicher auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentartheater und Nostalgieshow. Dazu kommt eine sehr geschickte Dramaturgie: Jeder erzählt immer nur ein Stück seiner Geschichte und gibt dann das Staffelholz weiter an den nächsten - erst am Schluss enträtseln sich die zum Teil erschütternden Hintergründe. So kam etwa Vanina erst vor fünf Jahren hinter das Familiengeheimnis, von dem sie jetzt ganz sachlich berichtet: Ihr Vater, der Geheimpolizist, hat den vermeintlichen Bruder als Baby geraubt. Das Kind stammte von einem Pärchen, das aus politischen Gründen inhaftiert war.
Dass dies in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Argentinien durchaus kein Einzelschicksal war, wird nicht erwähnt, in Argentinien ist das auch nicht nötig. Geschickt hat Lola Arias ihre sechs Schauspieler so ausgewählt, dass über deren Eltern ein vermutlich ziemlich repräsentatives Bild der damaligen argentinischen Gesellschaft entsteht. So kann jeder Zuschauer Momente finden, in denen er seine eigene Familiengeschichte wiederfindet.
Das Erstaunliche ist, dass diese Identifikation auch hierzulande funktioniert: Die Familienfotos sind denen der Generation Golf nicht unähnlich, die Spielzeugautos von damals, die Erinnerung an die Fußballweltmeisterschaft sind gemeinsame Bezugspunkte und bedienen unsere Sucht nach dem Persönlichen, Authentischen - und durchaus auch dem Banalen.
Mag sein, dass das ein etwas simpler Trick ist, um uns Historie nahezubringen. Aber es wirkt: als Nachdenken darüber, dass da Leute, die mit den gleichen Bildern und Zeichen aufgewachsen sind, ganz andere Bedeutungen und Geschichten damit verbinden. Geschichten, die auch bei uns in jeder Familie zu finden sind. Nur eben eine Generation früher.
Mi vida después, 20. bis 22. August, Zürcher Theater Spektakel, www.theaterspektakel.ch; 15. bis 17. Oktober, Steirischer Herbst Graz; 20. bis 22. November, Spielart Festival München; 1. bis 3. Dezember, HAU Berlin.