Seit Jahren kann man in englischsprachigen Zeitschriften Lob lesen auf Benjamin Millepied. Zuerst auf den Solo-Tänzer des New York City Ballets, dann auf den Choreografen, der seit 2002 Kollegen aus dem Ensemble versammelt unter dem Namen "Danses Concertantes" und mit ihnen tourt.
Das Forum am Schlosspark in Ludwigsburg bot nun die rare Gelegenheit, "Danses Concertantes" zu sehen mit zwei Choreografien Millepieds und einer William Forsythes. Eine der jüngeren Choreografen-Hoffnungen trat gegen einen Klassiker an - und der Klassiker erwies sich mit "Steptext" von 1985 als der weitaus modernere.
Das muss einerseits am US-amerikanischen Geschmack liegen, der der Avantgarde schon länger nicht mehr zugeneigt ist, obwohl einst so viele Impulse für den zeitgenössischen Tanz aus diesem Land kamen. Andererseits liegt es vielleicht auch daran, dass sich eine Truppe wie "Danses Concertantes" schwer auf Sponsoren stützen muss, sich also nichts leisten kann, das beim Publikum nicht ankommt.
So sind die beiden Stücke Benjamin Millepieds - "Closer" und "Without" - wie geradewegs aus Ballettmädchenträumen entstanden. Es ist ein widerstandslos fließender, neoklassischer Tanz, der sich an die Musik schmiegt. Es ist im Grunde Unterhaltungstanz, wenn auch auf hohem Niveau; da wird Millepied von Jerome Robbins gelernt haben, dem großen Meister des Musical- und Showtanzes, der auch einer der feinsten Grenzgänger war zwischen populärem und klassischem Tanz. Die beiden in Ludwigsburg gezeigten Choreografien des Franzosen, der seit 1995 zum New York City Ballet gehört, rutschen runter wie Eis mit Sahne.
In irgendeine Zukunft weisen die Stücke nicht, weder bewegungssprachlich noch in ihrem Menschenbild. Im Pas de deux "Closer" schmiegt sich Maria Riccetto oft traut an Blaine Hovens Schulter, und obwohl die Musik von Philip Glass "Mad Rush" heißt, kann man nicht sagen, dass die Choreografie irgendwelche Verrücktheiten enthielte. Viele Hebefiguren: Er trägt sie auf Händen, sie ist ein Elfchen. Das Modernste an "Closer" ist, dass die Ballerina einen Pferdeschwanz trägt und keinen klassischen Dutt.
Der Pianist Pedja Muzijevic spielt "Mad Rush" live, und er begleitet auch "Without", kurze Szenen zu Chopin-Prelüden, Etüden und Nocturnes. Da variiert Millepied bei den Besetzungen, wenn es musikalisch kräftiger wird, tanzen die Herren auf, ansonsten gibt es alles vom zarten Duo bis zum Ensemble der fünf Paare. Die Frauen tragen Kleidchen, die Männer farblich passende T-Shirts zu schwarzen Hosen (Kostüme: Marc Happel). Musik und Bewegungen perlen.
Hoffentlich doch mit Absicht wird Millepied den Forsythe-"Steptext" zwischen seine Stücke geschoben haben: Es braucht etwas, das dazwischenfährt, das mehr ist als eine Elevinnenvorstellung von Ballett. Damals hatte Forsythe erst angefangen mit der Dekonstruktion des Neoklassischen, aber die Energie und leichte Ruppigkeit des Stückes wirken an diesem Abend, als habe jemand die Türen geöffnet für einen frischen Wind.