Stephan Thoss ist ein Choreograf, der auch dann noch ein Anliegen hat, wenn alle anderen einfach Spaß haben an dem Tanz, wie er ihn zusammengefügt hat. Das zeigt diesmal das letzte Stück des neuen Wiesbadener Ballettabends: Es heißt "Carmencita" und versammelt einige der berühmtesten Opernarien, aus "La Traviata", "Rigoletto", "Carmen", dazu gleich drei Mal den "Summchor" aus "Madame Butterfly", zu dem stets eine ehrwürdige Figur mit Kronleuchter-Kopfschmuck den Raum durchschreitet.
Hohläugige Gespenster tanzen bei Thoss auf zu den Arien-Gassenhauern; einzig lebendig scheint eine junge Frau, deren Auftritt von "Elegia" von Bernd Alois Zimmermann begleitet wird. Aber die Gespenster machen ihr einfach keinen Platz auf dem Plüschsofa.
Staatstheater Wiesbaden: 5., 13. November 2009.
Dem Neuen in der Kunst muss eine Chance gegeben werden, so Thoss´ ernste Botschaft. Mit großer Geste werfen sich die Gespenster in die Brust, die Toreros robben auf den Unterarmen zum Einsatz: "Carmencita" ist ein Sahnestückchen, Kritik am Einheits-Opernspielplan hin oder her. Einerseits scheint das Stück, auch wenn es die Neufassung einer Choreografie von 1999 ist, wie gemünzt auf Wiesbadener Verhältnisse, wo es starken Widerstand gab gegen die Modernitäten dieses Ballettchefs. Andererseits zeigt es fast trotzig: Wenn Thoss wollte, könnte er seine Tänzer auf klassische Höhenflüge schicken. Und immerhin waren einmal keine Buhs zu hören, als Thoss sich zuletzt verbeugte. Die beiden Uraufführungen des dreiteiligen Abends sind gedacht, sich gegenseitig zu ergänzen und zu spiegeln. "Irr-Garten" bringt zunächst Vielfalt, Traum- und andere Gestalten. Drei Tutu-Mädchen, später sind sie Kostümträgerinnen, eine Dame mit langer Schleppe, ein Mann in weitem Rock, ein anderer, der der Minotaurus sein mag, Gefleckte, Gescheckte (Kostüme & Bühne: Thoss). Ein Schuss Erotik tanzt mit. Zuletzt erscheint das Personen-Panoptikum gelöst, man wiegt sich in den Hüften zum 2. Streichquartett von Gavin Bryars.
In Schwung kommt das bunte Garten-Treiben mit einer nicht aufdringlichen und doch munteren "Elektronischen Ballettmusik" Ernst August Klötzkes. Manchmal nur leicht, manchmal ausgeprägt jazzig ist die Musik zu "Sweet Shadow", sie stammt von dem 1971 geborenen Polen Leszek Mozdzer. Sie wird eher konterkariert durch die zwar nicht Strenge, aber Ordnung der Choreografie. Acht Tänzer bilden oft drei Reihen - die neunte "Person" ist ein rotes Prachtkleid, steif und leer. Ein Bezugspunkt für die Sehnsucht vielleicht, der süße Schatten einer erträumten Veränderung, denn die Tänzerinnen und Tänzer tragen schlichtes Weiß und Hosen allesamt (Kostüme & Bühne: Thoss). Und ihre Ausleuchtung ist so, dass sie praktisch schattenlos sind.
Die drei Stücke haben eine Handschrift. Thoss´ eckige Expressivität, seine vielen Pliés, die Bewegungsexplosionen, die jedem kurzen Innehalten folgen, sind unverkennbar. Und doch entstehen unterschiedliche Stimmungen, Verspieltheit, Sachlichkeit, karikierende Überzeichnung. Ein Abend der Vielfalt, dessen Übertitel "Labyrinth" etwas ratlos wirkt.