Ein Ort, nirgends. Ringsherum schwarze, minutiös glitzernde Platten, in der Mitte ein Geviert, schräg hinauf führend zu düster-verwinkeltem Wandelgang. Bei genauem Hinsehen aber entpuppt sich dieser holprige Rasen, den Jens Kilian in die Schaubühne gelegt hat, als eine Art Grabstätte. Da und dort wölbt sich "der Erde schöner grüner Teppich" (Orest, zweiter Aufzug) verdächtig, blinzelt ein Knochen durch die Halme. Und man ahnt schon bald, was sich darunter verbirgt und was für eine Sache das ist, über die noch nicht genug Gras gewachsen ist: Auf diese Insel der Skythen sollte sich nicht verirren, wer ein Fremder ist. Fremde mag man hier nicht, sie werden getötet. Alle.
Eine ist da, die bildet eine Ausnahme. Wolkenverpuppt hat die Göttin Diana Agamemnons Tochter Iphigenie hierher gebracht, um ihr Schutz zu gewähren. Nun spielt sie die Priesterin der Besänftigung. Doch Judith Engel steht nicht der Sinn nach einer solchen Existenz. In ein blassblaues Kommunionskleid mit Rüschen und funkelndem Besatz gehüllt (Kostüme: Anja Rabes) tapst die Schauspielerin über den Rasen, die Beine leicht nach innen gewinkelt, lässt die Schultern hängen und sagt die Sätze, die sie sagen muss, mal beiläufig beleidigt, mal leicht verschmitzt in die Luft (von ferne ein Motorengeräusch). Der hohe Ton der Weltliteratur, schon hier wird er nach Kräften unterlaufen. Götter! Wer glaubt heutzutage noch an Götter!
Jossi Wieler, der Goethes Schauspiel an der Berliner Schaubühne inszeniert hat, jedenfalls nicht. Minute für Minute schraubt er das Goethegerüst behutsam hinunter, bis es auf dem Boden der Realität angekommen ist. Und fast ist man versucht zu glauben, jener eine berühmte Satz habe ihm als Wegweiser gedient, der Satz, den Thoas, der Herrscher von Tauris, zu Iphigenie sagt, als diese sich als eine aus dem Geschlecht der mordsüchtigen Tantaliden zu erkennen gibt. "Du sprichst ein großes Wort gelassen aus."
So gelassen erträgt Judith Engel als Iphigenie das ihr zugewiesene Schicksal. Von den grausamen Ereignissen im fernen Mykene ahnt sie nichts, ebenso wenig steht ihr der Sinn nach der Macht der Leidenschaft. Sie ist im ersten Aufzug noch ein Kind, ein Mädchen, wiewohl: ein durch und durch (alt)kluges.
Wenn Burkhard Klaußner im schwarzen Anzug mit Lackschuhen als Thoas den heiligen Hain betritt, einen etwas dürftigen, in transparente Folie eingewickelten Blumenstrauß vor sich wie ein Schild, dann nimmt sie es höchstens zur Kenntnis, mehr nicht. Diese Iphigenie kennt weder die Liebe noch den Tod.
Sie kennt nur die geübte Rede, oder besser: die schneidige Replik. Eine Weisheit nach der anderen bläst sie ihrem Gegenüber ins Gesicht, und dazu macht sie selber eines, das ihr völliges Gelangweiltsein unterstreicht. Es verwundert wenig, dass Thoas zunehmend ungehalten wird und seine Rede ins Unwirsche abschweift. Diese Göre nervt einfach. Sie weiß alles besser. Und sie betrachtet ihren Körper lediglich als eine Hülle für ihren Geist. Damit hält sie alles und jeden in Schach.
Der Abend gerät dadurch, vielleicht bewusst, monochrom, irgendwie verkapselt und enigmatisch. Und er kommt nicht von seiner Titelfigur los, von ihrem störrischen Ego. Gegen Judith Engel, gegen ihre leicht verklemmte Unberührbarkeit, wirken die anderen Protagonisten spärlich in den Mitteln, vor allem der nuschelnde Urs Jucker (Pylades) und Thomas Bading in der wenig dankbaren Rolle des Boten Arkas.
Sogar Ernst Stötzner, der einen ziemlich alten und heruntergekommenen, dabei von Stolz noch angewehten Orest gibt, weiß sich gegen ihre Schnoddrigkeit kaum zur Wehr zu setzen. Einmal liegen sie beieinander, Bruder und Schwester, aber so verkrümmt (und verklemmt), dass man eine Zerrung befürchten muss. Ein Schmunzeln lässt sich, nicht nur in diesem Augenblick, kaum vermeiden.
Wo aber das Pathos gleichsam verdurstet, wo das göttliche Prinzip suspendiert ist, verliert auch das Spannungsverhältnis zwischen den Ebenen an Reiz. Der Abend plaudert und plätschert vor sich hin, immer müder und matter wird er. Und doch zeitigt er zartleise Entwicklungen. Schon im zweiten Aufzug hat Iphigenie ihr Kinderkleid abgestreift. Jetzt trägt sie immer noch pinkfarbene Sandalen, aber darüber Schwarz. Wieder ein Kleid. Der Ausdruck etwas ernster, entschiedener, das Gespräch gemessener, wenngleich, wie im Parzenlied, nach wie vor mit Ironie gesprenkelt.
Die Initiation nimmt ihren Lauf. Und führt im fünften Aufzug dazu, dass Judith Engel sich nochmals umzieht. In der schwarzen Hose wirkt sie fast schon wie eine junge Frau. Stabilisiert, beinahe erhaben. Thoas hingegen hat den umgekehrten Prozess hinter. Er ist barfuß. Isst ein Käsebrot, der arme, milde, geschwächte Barbar, kann gar nicht anders als verzeihen und dann verschwinden. Das letzte Wort des Schauspiels, dieses eigentlich heroisch-staatstragende "Lebt wohl", spricht er schon im Gehen. Eine Tür fällt ins Schloss, Iphigenie und Orest stehen, errettet, ratlos auf dem Rasen. Uns ist ähnlich zumute. Nur dass wir sitzen.
Schaubühne Berlin: 19., 21., 25., 26., 29., 31. Mai.