Theater

30. Oktober 2012

Birgit Minichmayr: Die Silbendribblerin

 Von Dirk Pilz
Brilliert als Hedda Gabler: Schauspielerin Birgit Minichmayr. Foto: dapd

Sprache reicht ihr: Birgit Minichmayr gibt eine reduzierte Hedda Gabler im gleichnamigen Stück von Henrik Ibsen. Und sorgt dabei doch ganz allein für einen großen Abend.

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"Ach was.“ Das genügt schon. Mit zwei schmalen Worten reißt diese Frau einen Abgrund auf, den zu ahnen um sie herum niemand auch nur fähig ist. Die Liebe, das Glück, die Zukunft: „Ach was.“ Sie schnippt die Worte spöttisch in die Luft und schaut belustigt dabei zu, wie sie zu Boden trudeln, um sie kurz vor dem Aufprall mit dem Fuß lässig wegzukicken. Jedes Mal in eine andere unerwartete Richtung, jedes Mal mit einer anderen Wortschusstechnik. Das macht alle kirre an diesem Abend.

Birgit Minichmayr ist Hedda Gabler, die Boshafte aus Langeweile, die ihr Erfinder Henrik Ibsen den blässlichen Wissenschaftskarrieristen Tesman heiraten, auf sechsmonatige Flitterwochen gehen und danach in eine schmucke Vorzeigevilla ziehen lässt, in der das schön erhoffte Gemütlichkeitsleben jedoch in Gefahr gerät. Lövborg taucht auf, Konkurrent Tesmans in akademischen Angelegenheiten, früher entschiedener, allerdings erfolgloser Anbeter von Hedda. Richter Brack ist wieder da (noch ein Hedda-Anhimmler), Thea erscheint (auch schlimm verliebt, in Lövborg). Und alle schleppen sie ihre Erinnerungen und uneingelösten Versprechen mit sich herum. Diese Figuren sind mehr Unruhegeister, Wiedergänger ihrer eigenen Vergangenheit als waschechte Wirklichkeitsvertreter.

Überhaupt ist das ja ein Stück über den Kampf mit den Erinnerungen, wie bei Shakespeare, nur seelenschmatzender, psychologisch kleiner gerechnet, weil es in eine kleinere, engere Welt führt. Zu klein für Hedda, die einmal, einmal nur „Macht über das Schicksal eines Menschen“ haben will. Es ist ihr so langweilig, es muss etwas geschehen, je garstiger desto willkommener: Das ist die Hedda-Maxime, mit der sie Lövberg in den Tod und Thea in den Wahnsinn treibt. Bei Minichmayr ist sie Figur geworden, Sprachfigur vor allem. Sie rennt nicht wild umher, schreit kaum, keift nicht. Sie schnippelt mit Worten, dribbelt mit den Silben.

Getunnelt, ausgedribbelt

Ein leichtes Opfer wie ihr Gatte, den Norman Hacker als seelensteifen, spitzmundverklemmten Naivling ausstellt, muss chancenlos zusehen, wenn es von den Hedda-Silben getunnelt wird; ein würdigerer Gegner wie Lövberg, der von Sebastian Blomberg zum Selbstbeherrschungsmonument erhöht wird, um es effektvoll zerbrodeln zu lassen, wird listig ausgedribbelt; gänzlich harmlose Herumsteher wie Thea, die bei Hanna Scheible beeindruckend unwidersprochen harmlos bleibt, sind für diese Hedda allenfalls Statisten, an denen man lässig vorbeitändelt. Es gibt kaum eine trickreichere, ausgebufftere Satz- und Silbenspielkünstlerin als Birgit Minichmayr. Übrigens beherrscht sie diese Ausdrucksvielförmigkeit auch mit Blicken. Vielleicht ist das sogar ihre größte Kunst, diese Kunst der Ach-was-Blicke.

Das weiß auch Martin Kušej, natürlich. Der Intendant am Münchner Residenztheater hat sie mit einem schicken Zwei-Rollen-Vertrag ausgestattet (zwei große Partien pro Saison; es sind, logisch, immer Birgit-Minichmayr-Hauptrollen, zuletzt als Karoline in Frank Castorfs Horváth-Inszenierung „Kasimir und Karoline“), um ihr Zeit für ihre Kinoauftritte zu lassen (derzeit in „Gnade“ von Matthias Glasner). Seinen Ibsen-Abend hat er entsprechend ihr beinahe ganz überlassen. Ihrem Sprech- und Blickvermögen, den gezielt platzierten Bewegungen (Hand am Hals, Arme verschränken, mit dem Stuhl kippeln), ihrem unbedingten Willen, sich die Figur gefügig zu machen. Sie macht den Abend groß. Aber veranstaltet er nicht dennoch nur hübsch hingestelltes Aufsagetheater mit Lagerfeuer (am Ende) und scharfen Blacks (zwischen den Szenen), das es ist, als sähe man einen Diaabend über Frau, Mann, Ehe, Traurigkeit? „Ach was“, so simpel schaut’s nur auf den ersten Blick aus.

Ausfransungen, Abschiede

Hedda wird auf leerer Bühne hier zwar zu einer Frau, die alle um sie herum in den Fußnotenstatus rückt und „Hedda Gabler“ damit zum Solo mit Beistellfiguren. Das ist, theaterspieltechnisch gesehen, die Not dieser Inszenierung: Sie verkleinert das Stück zur Hedda-Ego-Nummer. Einerseits.

Das macht andererseits aber auch die Stärke des Abends aus. Denn es ist, als spielten alle nur für die eine, was den Abend wie Theater auf dem Theater ausschauen lässt. Hedda ist damit mehr als die von den Konventionen und Rollenzuweisungen gelangweilte Frau, sie wird vor allem zur Chiffre des modernen Subjekts. Und modern heißt: Der Mensch ist nicht einfach, was er ist, er ist zugleich der Beobachter seiner selbst, der Draufblicker und Danebensteher, der sich hinterherhechelt, weil da nichts ist, kein Gott, kein Staat, kein Sonstwas, das ihm Halt und Himmel wäre. Hedda Gabler: keineswegs nur eine simple Egoistin, sondern Stellvertreterfigur für uns alle.
Das war der allerneueste Befund, den Ibsen damals, als „Hedda Gabler“ 1891 in München uraufgeführt wurde, seinen Zeitgenossen auftischte. Und die Bühne, die Kostüme zitieren ihn bei Kušej. Die Tür mit Schnitzwerk, der Stühlehaufen, die Kleider, Dreiteiler und Hüte – allesamt historisierende Verweise.

Aber zwischen Ibsen 1891 und Ibsen 2012 liegen Welten: Das Subjekt ist nicht mehr modern im damaligen Sinne, auch nicht postmodern. Wir erleben heute seinen Wandel, ohne zu wissen, was kommen mag. Wir sehen nur Ausfransungen, Abschiede. Vor allem davon spielt die Hedda dieses Abends, vom Verlust der Frei- und Sicherheiten, die dem Subjekt einst als Moderne versprochen wurden. So gesehen: ein gegenwartsaufschließender Abend.

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