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Theater

17. Oktober 2012

Blackfacing: Keine Debatte erwünscht

 Von Dirk Pilz
Das "Blackfacing" steht in einer rassistischen Tradition.  Foto: imago

In Berlin diskutiert ein Universitäts-Institut über das rassistische "Blackfacing". Das war zumindest die Idee - tatsächlich ließen die Veranstalter keine echte Diskussion zu.

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Berlin –  

Halten wir noch einmal die Fakten fest: Anfang des Jahres wird im von Dieter Hallervorden geleiteten Schlossparktheater Herb Gardners Komödie „Ich bin nicht Rappaport“ mit einem schwarz geschminkten weißen Schauspieler gezeigt. Daraufhin formiert sich der von Künstlern und Wissenschaftlern getragene Verein Bühnenwatch. Er erhebt vehement Einspruch gegen dieses Theatermittel des Blackfacing, des Schwarzmalens. Denn damit werde eine rassistische Methode der US-amerikanischen Minstrel-Tradition aufgenommen.

Kurz darauf ein weiterer Eklat: In Michael Thalheimers Inszenierung von Dea Lohers Stück „Unschuld“ am Deutschen Theater treten, so der Text, zwei „illegale schwarze Immigranten“ auf, die an diesem Abend mit schwarzgemalten Gesichtern gezeigt werden. Nach zuweilen heftigen Debatten entschied sich das Deutsche Theater, die Schauspieler mit weißgemalten Gesichtern auftreten zu lassen.

Nicht-Weiße sind in der Rolle des Fremden

Das löst natürlich nicht das Problem, auf das die Kritik am Blackfacing letztlich zielt. Denn rassistisch ist diese Praxis nicht nur, weil Hautfarbe überhaupt als Erkennungsmerkmal markiert wird und Schwarze als Fremde hingestellt werden. Rassistisch daran ist, dass die weiße Mehrheit als farblos genommen wird. Rassistisch ist Blackfacing also, weil damit von Weißen für Weiße ein Theater gemacht wird, in dem alle Nicht-Weißen in die Zwangsrolle des Exotischen, Fremden, Anderen gezwängt werden. Rassistisch ist genau diese Konstruktion eines weißen Wir, das als gesellschaftliche „Normalität“ auftritt.

Das ist alles vollkommen richtig, auch in seiner ganz grundlegenden Bedeutung: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Rassismus nicht nur am rechten Rand zu Hause ist, sondern in ihrer Mitte. Praktiziert von Menschen und Institutionen, die sich selbst natürlich nie als Rassisten beschreiben würden. Aber rassistische Stereotype transportieren sich auch wider Willen des Einzelnen, an der Vernunft und den eigenen Absichten vorbei. Niemand ist davor gefeit, rassistische Denk- und Wahrnehmungsmuster zu bedienen.

Allerdings ist es noch viel komplizierter. Insofern ist es zu begrüßen, dass jetzt der theaterwissenschaftliche Sonderforschungsbereich „Verflechtungen von Theaterkulturen“ an der Freien Universität Berlin zu einer Konferenz ins Berliner Kunstquartier Bethanien lud. Man durfte hoffen, dass die schwierige, heikle Thematik hier mit gebotener Differenziertheit verhandelt würde, gleichzeitig gelassener und gedankenreicher als bislang.

Geladen waren aber ausschließlich Vertreter von Bühnenwatch, die in Vorträgen noch einmal vortrugen, inwiefern Blackfacing keine Harmlosigkeit ist. Die Schauspielerin Sharon Otoo wies darauf hin, dass auch das Wahrnehmen von Weißen als Weiße historische Gründe hat, die in einer Inszenierung wie „Unschuld“ bewusst ausgeblendet würden. Die Wissenschaftlerin Daniele Daude zeigte auf, wie in Inszenierungen der Oper „Salomé“ bereits in der Besetzungspolitik schon rassistische Muster greifen. Die Kulturwissenschaftlerin Azadeh Sharifi erörterte, dass in

Deutschland Integration noch immer als Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft verstanden wird, die Historikerin Julie Lemmle legte offen, wie in deutschen Medien, in diesem Fall der Theaterkritik, von der FAZ bis zum Neuen Deutschland dieselben rassistischen Muster reproduziert werden.

Lasst und reden - Hauptsache, Ihr seid unserer Meinung!

Das ist überzeugend, gewänne allerdings, hätte diese Konferenz auch Stimmen jenseits von Bühnenwatch zu Vorträgen oder Gesprächen gebeten. Denken jedoch, nämlich das ständige Überprüfen der eigenen Überzeugungen und ihrer methodischen, historischen und begrifflichen Voraussetzungen, fand hier nicht statt; eine Debatte, nämlich der Austausch von Argumenten, ist offenbar nicht erwünscht. Man fragte sich, für wen diese Tagung überhaupt gemacht war, wenn man weder den Kritisierten noch methodisch und begrifflich anders arbeitende Wissenschaftler zu Wort kommen lässt.

Genau das braucht es aber. Nicht, um den Rassismus wegzudiskutieren, sondern um zu einem differenzierteren und damit genauer zu bekämpfenden Bild zu gelangen. Rassismus auf der Bühne ist etwas anderes als Rassismus in der Kneipe. Er ist weder nur moralisch noch nur historisch zu begreifen. Für Bühnenwatch aber, so haben die Diskussionen der vergangenen Monate und diese Konferenz gezeigt, ist das kein Einwand. Ihren Vertretern geht es darum, den Rassismus sichtbar zu machen. Sie scheinen sich deshalb auch auf einen ästhetischen Analphabetismus zurückzuziehen, indem sie alle künstlerischen Kontexte der jeweiligen Arbeiten ausblenden.

Dieser Dogmatismus, das vorsätzliche Vereinfachen der Sache selbst, ist symptomatisch: Wir stehen erst am Anfang einer Aufklärung über den Rassismus der Gegenwart. Aber ein Anfang immerhin ist gemacht.

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