Das Wichtigste, zumindest aus der Sicht der vielen Fernsehkameras und Fotoapparate: Niki Lauda, am gleichen Tag noch schnell aus Hockenheim gekommen, trägt auch in Salzburg zum „Jedermann“ das kleine rote Rennkäppi. Auch das Kleid der neuen Buhlschaft, Birgit Minichmayr, ist sehr rot, mit Spiel hinüber ins Orange. Es ist eine liebgewonnene Salzburger Tradition, dass das Objekt der Begehrens des Jedermann, die Buhlschaft, zusammen mit der Farbe ihres Kleides in Österreichs Society im Sommer die Hauptrolle spielen.
Jedes Mal, wenn man die Buhlschaft dann aber wirklich auf der Bühne sieht, wundert man sich darüber, dass das gar keine Rolle ist. Kaum ist sie da, ist sie auch schon wieder weg. Es ist lediglich ein Auftritt: Gestatten, ich bin die Frau, die Verführung, das Fleisch. Birgit Minichmayr, dachte man im Vorfeld, das ist die Frau, auf die diese Rolle gewartet hat. Die Österreicherin Minichmayr, das ist Österreichs Traum von der Buhlschaft.
Ihre derbe, bleiche Fleischlichkeit, die knackige Fülle, das nicht vollständig versteckte Obszöne, das passt alles so gut, wie wenn es extra für den „Jedermann“ designed worden wäre. Auf der Bühne aber wirkte Minichmayr nicht bleich sondern blass und unbeteiligt. Diese Frau könnte so wunderbar das fleischgewordene Recht auf Lust und Laune verkörpern, das Geschöpf, das für den Genuss ihres Körpers lebt, der Geist, dessen Körper stets Ja sagt, und sich vom Nein des Jedermann auch nicht die Lust verderben lässt. Aber der Geist der Minichmayr kommt nicht aus der Flasche. War sie an diesem Abend wirklich da?
Neu ist auch der Jedermann, nach vielen Jahren Peter Simonischek. Der Österreicher Nicholas Ofczarek ist ebenfalls eine Idealbesetzung für den reichen hochfahrenden Mann, der tief fällt. Wie zu erwarten ist Ofczarek ein Jedermann, der weit raushängen lässt, wie gut es ihm geht, selbstgerecht, breit und hartherzig bis hin zur gut gelaunten Naivität. Der Spaß an Völlerei in jeder Beziehung steckt tief in ihm drin. Wo man bei Simonischek vermutete, dass es auch einen edleren Teil in ihm gibt, ist Ofczarek reiner Genuss. Sein schauspielerischer Phänotyp und der Jedermann passen so gut zusammen, wie der lange Bart mit Gott oder die beiden Hörnchen mit dem Teufel.
Redet ihm seine Mutter ins Gewissen, entsteht tatsächlich das Muttersöhnchen, das man Simonischek, dem Vollmann, dem Mannmann, dem Kraftlackel, nie abnahm. Was so im ersten Teil die Stärke Ofczareks ist, verkehrt sich aber im zweiten Teil, dem langen Fall, in Gegenteil. Tragik gibt es da keine, es geschieht dem Jedermann einfach Recht, und wenn er sich windet, sich gegen Tod und Glaube sträubt, na ja, dann tut er es halt. Simonischek war ein fester Baum, eine sturmerprobte, tausendjährige Eiche, die gnadenlos gefällt wurde.
Die tiefgehendste Veränderung aber ist die Verlegung des „Jedermann“ in Dämmerung und Nacht. Sie macht den „Jedermann“ zu einer ganz normalen Theateraufführung. Regisseur Christian Stückl hat es im vergangenen Jahr erstmals ausprobiert, auch die Passionsspiele in Oberammergau ließ er zum Teil im Dunkel spielen. Es liegt auch ganz auf der Linie der Theatralisierung, die Stückl seit 2002 in Salzburg mit Vorspiel, zusätzlicher Statue, großen Auftrittstreppen, comichaften Kostümen und guten Gags beschreitet.
Nachts ist der Dom reine Kulisse, der Duft von Bretterbühne und altem Gemäuer, der bisher im „Jedermann“ steckte, geht der Aufführung verloren. Dafür bewegt sie sich jetzt stilsicher zwischen Stadttheater und Hollywood-Phantasie. Das ist beklagenswert. Die schöne Diesseitigkeit, die mittagshelle Präsenz, alles Irdische gehen verloren, dafür erscheinen Illusion, Traum, Jenseitigkeit. Die aber hat man ohnehin überall.
Bleibt die Sondererwähnung. Peter Jordan als Teufel war wie im vergangenen Jahr überragend: ein eilfertiger Schlaumeier, ein zynischer Opportunist in eigener Sache, ein grelles, schwarzes, lächerliches Männchen, das zu gern mit seinem langem Schwanz wackelt.
Salzburger Domplatz, 28. Juli, 1., 4., 10., 11., 15., 17. Augustwww.salzburgerfestspiele.at