Das Elternhaus ist ein abgeranztes Männerasyl. Für Gäste ist das apart, zumal sie im Mainzer Kleinen Haus auf der Hinterbühne sitzen und Carolin Mittlers Ausstattung in Richtung Zuschauerraum angucken. Für Bewohner ist das ein Albtraum, an den sie sich gewöhnt haben und in dem sie geläufig herumstolpern. "Delirium" haben der irische Dramatiker Enda Walsh und die Tourneetruppe Theatre O zusammen erarbeitet. Es ist beeindruckend, wie sich das auf einen anderen Leib geschneiderte Projekt jetzt auf die deutsche Erstaufführung anscheinend mühelos übertragen ließ.
Die Handlung basiert auf Fjodor Dostojewskis "Brüder Karamasow", die heimgekehrten Brüder verzehren sich in Hass gegen den Vater und in Liebe zu einer Frau / zu Gott. Wie der Titel andeutet, ist alle Formalität inzwischen abgelegt. Die Seelen liegen bloß und wund da. Das machen der Wodka und die Verzweiflung. Auf der Bühne schlägt sich das nur gelegentlich in Spektakel, meist in der reinsten Beklemmung nieder. Er implodiere, sagt Ivan, und als Implosion inszeniert das in Mainz auch Schirin Khodadadian: Der Druck richtet sich nach innen, aber es knallt trotzdem gewaltig.
Staatstheater Mainz: 21., 27. Januar. www.staatstheater-mainz.de
Rund um den abscheulich virilen Vater, Thomas Marx, der als fideler Suffkopp und goldener Cowboy einschränkungslos ein Objekt des Hasses darstellt, sind die Söhne Männer, die zu viel Format für diese Welt haben. Felix Mühlen ist als Mönch Aljoscha kein Fanatiker, sondern ein vor Ernst und Menschenliebe fast den Tränen naher, auch optisch (bleich und dunkellockig) sehr Dostojewskischer Jüngling. Sein naiver Wunsch, gemeinsam zu beten, ist verfehlt. Aber Khodadadian gibt ihn nicht der Lächerlichkeit preis, höchstens der Peinlichkeit eines solchen Moments.
Die Figuren sind verzerrt, aber nicht ins Karikatureske, sondern ins Menschliche. Natürlich kann das unangenehm sein. Gregor Trakis als von Leidenschaft und Besitzgier zerrissener ältester Sohn Mitja ist seinem Vater wohl am ähnlichsten. Darum hasst er ihn auch am tiefsten. Trakis spielt das großartig: Ausgerechnet der Große, Laute, sich zu Selbstvertrauen Aufschwingende wird am schärfsten runtergehalten und ist der Situation am hilflosesten ausgesetzt. Hilfloser jedenfalls als der Intellektuelle Iwan, Florian Hänsel, die modernste Figur, der ihre Modernität in dieser Gesellschaft aber auch nicht hilft. Man sieht Iwan in rührender Liebe zu Katerina, Tatjana Kästel, während Mitja und sein Vater in verzweifelter Konkurrenz (verzweifelt nur für den Sohn) um Gruschenka, Pascale Pfeuti, werben.
Den mysteriösen Butler und Erzähler Smerdjakow, Thomas Prazak ein bisschen als Klaus Kinski, kann man zwar ohne den Roman schwer einordnen. Aber Text und Regie machen sich das Unklare zunutze, um das Albtraumhafte auf eine für Albträume typische Spitze zu treiben. Alles ist zwangsläufig. Das liegt auch daran, dass die Mainzer Inszenierung das Widerwärtige mit einer geradezu leichtfüßigen Eleganz im Ablauf kombiniert.