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Theater

25. November 2012

Bühnenstück zum NSU-Skandal: Im heimisch-braunen Sumpf

 Von Doris Meierhenrich
Der Verfassungsschutz in der Kritik. Auch auf der Bühne.  Foto: REUTERS

"Fahrräder..." heißt eine Bühnenfarce zum NSU-Ermittlungsdesaster. Trotz vieler guter Ideen kommen weder Stück noch Inszenierung so richtig in Gang.

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Berlin –  

Einer der Zeugen im NSU-Untersuchungsausschuss – hier heißt er verballhornt „Heinz Gläubig, bis vor kurzem Präsident des Bundesamts für Veraffungsschutz“ – erzählt einmal die Geschichte seiner amtlichen Anstrengungen: Für die Ermittlungen zu den Morden an türkischstämmigen Mitbürgern zwischen 2000 und 2006 sei man sogar bis an die türkische Schwarzmeerküste gereist. Dort sei es wunderschön, nur müsse man höllisch aufpassen mit der Kanalisation: zu viel Papier ins Klo, so Gläubig, und „die ganze Scheiße kommt wieder hoch“.

Auch habe man eine bedenkliche Agitation der Hisbollah dort bemerkt, aber er könne seinen Kopf ja nicht in alles stecken: „Das würde ausufern, wie die Scheiße“.

Dass es längst ausgeufert ist, als Gläubig in der Türkei, nicht aber am rechten Rand Deutschlands ermittelte, scheint er auch bei diesem Verhör noch nicht ganz begriffen zu haben. Im Ballhaus Naunynstraße aber watet er bereits knöcheltief im braunen Schlamm.

Der Regisseur Lukas Langhoff hat für das Stück zum NSU-Ermittlungsdesaster „Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ nun konsequent die hiesige Kanalisation verstopft und den Konferenzraum unter Schlamm gesetzt. Das hört sich krass an, ist aber nicht krasser als die rassistische Realität in deutschen Behörden, die der Ausschuss ans Tageslicht bringt.

Das Autorenduo Marianna Salzmann und Deniz Utlu haben ihre Umkehrfarce daher auch nicht nur um die fiktive Figur des Hilfskellners Andreas (Simon Brusis) gewoben, der in besagtem Ausschuss Häppchen serviert und dabei selbst Verhör-Häppchen aufschnappt. Diese Verhör-Häppchen, wie auch der aberwitzige Türkei-Bericht, sind authentische Mitschriften, die die Journalistin Mely Kiyak in den Sitzungen protokollierte. Andreas wiederum, der die autistische Inselbegabung des perfekten Gedächtnisses hat, also nichts anfangen kann mit all dem Wissen, ist bestes Sinnbild einer überreizt stumpfsinnigen deutschen Erinnerungskultur.

Viele gute Ideen also und trotzdem kommen weder Stück noch Inszenierung richtig in Gang. Denn auch wenn die braune Hirnsuppen-Bühne den NS-Untergrund als deutschen Übergrund auflässt und Sebastian Brandes als verdatterte Nazi-Parodie brilliert, kann die freundlich glitschige Bühnenfarce die Realfarce schwer toppen.

Fahrräder... bis 30. Nov., tgl. 20 Uhr, Ballhaus Naunynstraße, Tel: 030 / 75 45 37 25

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