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Theater

09. Dezember 2012

Bulgakow: Sowjet-Revue und Jesus-Märchen

 Von Peter Michalzik
Konstantin Gropper von Get Well Soon hat für "Meister und Margarita" die Musik geschrieben.Foto: peter-juelich.com

Bulgakows „Der Meister und Margarita“ – wird von Regisseur Markus Bothe vorweihnachtlich im Schauspiel Frankfurt inszeniert.

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Es war einmal eine Zeit, da die Menschen an nichts mehr glauben mochten. Fakt ist, sagten sie, dass Jesus nie existiert hat. Was Jesus damals dazu meinte, ist nicht überliefert. Der Teufel aber betrachtete solche Sätze als einen Angriff auch auf seine Person. Also musste Berlioz, der Vorsitzende einer Moskauer Literaturassoziation, der so sprach, seinen Kopf verlieren. Und der Lyriker Besdomny, der dabei war, gleich mit. Der eine durch die Straßenbahn, der andere, indem er verrückt wurde. Nie war es schöner, Teufel zu sein als in der atheistischen Welt.

Es hatte sich aber vor jener Zeit begeben, dass es in dem großen Land, in dem die Köpfe rollten, eine große Revolution gegeben hatte. Das große Land nannte sich Sowjetunion. Die Hoffnungen vieler Menschen hatte es geweckt, aber nicht die Zeit des Lichts war angebrochen, sondern die der Finsternis. Die großen Männer des Landes waren böse Männer, und die Menschen trugen alle Uniform. Ein Zeichen dieser Zeit war der fünfzackige rote Stern, den die große Armee der Uniformierten, die sich die Rote nannte, zu ihrem Emblem gemacht hatte.

Man hatte ihn schon fast vergessen, diesen rotleuchtenden Stern des Sozialismus. Aber nun ist er, in riesenhafter und glutroter Form, wieder gelandet, zurückgekommen wie ein Schwesterschiff aus ferner Galaxie. Strahlend liegt er da auf der tiefschwarzen Bühne des Frankfurter Schauspiels, fett prangt er als Präsentierteller in der Bühnenmitte. Dazu öffnet sich hier ein Sternenarm und dort eine Luke.

Fantasy-Schmonzette aus den 1930er-Jahren

Rot und Schwarz erzählen Markus Bothe (Regie) und Robert Schweer (Bühne) „Der Meister und Margarita“, Michail Bulgakows große, russisch-existenzielle, christlich-sowjetische Fantasy-Schmonzette aus den 1930er-Jahren, blutrot und dunkelschwarz, dazwischen ab und an etwas gespenstisches Weiß, ein wenig jesushaft nackte Haut und vor allem das schmutzig-braune, absolut unverkennbare Olivgrün der glorreichen Sowjetarmee (Heide Kastlers Kostüme).

Michail Bulgakow erzählt seinen berühmten, gerade wortgewitzt neu übersetzten Roman „Der Meister und Margarita“ in drei Schichten. Da ist die unübersichtliche, phantastische Moskauer Teufelsgeschichte, die mit dem rollenden Kopf beginnt. Da ist die Geschichte von Pontius Pilatus, der Jesus nur wider Willen verurteilt. Und da ist der Meister, der Schriftsteller, der mit Margarita, die ihn liebt, in jenem Moskau lebt und eben die Geschichte von Jesus und Pilatus schreibt.

Bothe nimmt alle drei Schichten auf, verschiebt die Gewichte etwas in Richtung Jesus-Story und macht daraus ein Bühnenmärchen. Er verzahnt die Erzählstränge durch Doppelbesetzungen und Kleidertausch; auch Pilatus ist stolzer Träger einer Sowjetuniform. Wer was warum tut, vor allem aber welcher Sinn und welche Anspielung in dieser oder jener Szene stecken könnte, verschwimmt dabei wie zwei Wasserfarben im Mischglas.

Es gibt sozusagen keinen Verweisungszusammenhang, keinen Sinnhorizont – außer dem Atheismusmotiv vom Anfang. So geht ein weitgehend gedankenfreies Sinnspiel mal munter, mal melancholisch über drei Stunden dahin – mal unterhaltsam, mal langweilig, und je länger es dauert, desto öfter ist es das zweite. Ein paar schöne Scherze wie Köpfe, die sowjetbraun aus Kloschüsseln auftauchen, oder Köpfe mit herausgerissener Zunge, denen man „Pssst!“ zuzischelt, sind willkommene Aufmunterer.

Die mit Spannung erwartete Musik von Konstantin Gropper (Get well soon) hat glatt gereimte, locker assoziierte, leicht ironisierte Texte. Sie ist auch sonst ziemlich varieté-nah und gewöhnlich. Wenn man das vor zehn Jahren, sagen wir in Berlins Tränenpalast, gehört hätte, wäre man wohl auch nicht weiter überrascht gewesen.

Märchenrevue aus ferner Zeit

Dass aus dieser Sowjet-Revue nicht mehr als ein Märchenabend wurde, liegt mit Sicherheit nicht an den Schauspielern. Bothe scheint gut mit ihnen gekonnt zu haben, sie spielen konzentriert und erliegen nicht der Gefahr, in der riesigen Bühne ihre Farben zentimeterdick aufzutragen. Michael Goldberg, der als Teufel das Zentrum aller Aufregungen ist, wird zu einem sehr ruhigen, etwas soignierten und ein wenig distinguierten Herrn, der Goldbergs abgründige Ausstrahlung hervorragend zur Geltung kommen lässt. Man könnte Angst vor diesem Teufel bekommen.

Begleitet wird er von Sascha Nathan und Viktor Tremmel. Nathan gibt den schwarzen Kater Behemoth in einer eigentümlichen, zugleich schwerfällig-breithüftigen und pfotensanft-langsamen Mischung. Und Tremmel stellt Korowiew, den Karierten, als ausgesprochen selbstbewussten Mann fürs Grobe dahin, wo man ihn braucht. Die Selbstgefälligkeit dieser drei Teuflischen bleibt hintergründig, sie wissen zu genau, dass ihnen niemand etwas kann.

Vincent Glander weiß dagegen in allen fünf Rollen zu gefallen, jeweils unterschiedlich und doch wiedererkennbar, erstaunlich. Geradezu heiligen Ernst gibt Bettina Hoppe an die treue Margarita, sie verzehrt sich glühend unter weißer Farbe. Auch Mathis Reinhardt im Irrenhaus leidet christusgleich. Das macht die Sache für Torben Kessler, der Jesus und den Meister darstellt, nicht leichter. Aber Kessler bekommt es überzeugend hin, er ist als Schriftsteller wie als Jesus eine einsame, zurückhaltend-präsente Figur. Wie er Bulgakows Geschichte von Christus am Kreuz erzählt, ist der beste Moment der Aufführung.

Auf welche gedanklichen Pfade diese Märchenrevue aus ferner Zeit das vorweihnachtlich wohlwollende Publikum führen sollte, blieb trotzdem unklar und dürfte selbst den Teufel vor unlösbare interpretatorische Aufgaben stellen. Dem rhythmisch klatschenden Publikum war’s egal. Bothe zeigte sich wieder als Märchenerzähler. Ob er mehr kann, ist auch nach dieser Inszenierung unklar.

Schauspiel Frankfurt: 10., 19. Dez., 11. Jan.

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