Theater

19. Januar 2013

Burgtheater Wien: Eine Showtreppe für sieben Eurydikes

 Von Stephan Hilpold

Am Wiener Burgtheater inszeniert Matthias Hartmann Elfriede Jelinek. Die hat sich nach diversen Prinzessinnen einer Dichtergattin angenommen, der Nymphe Eurydike. „Uraufführung der Theaterfassung“ nennt Matthias Hartmann jetzt seinen Abend.

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Mit einem kollektiven „Hatschi!“ fängt es an. Die sieben Eurydikes, die der Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann auf die Bühne des Akademietheaters gestellt hat, werden in den kommenden 90 Minuten noch öfters mit einer Stimme sprechen. Wer hier wer ist, wer welche Rolle ausfüllt, wer hier liebt und begehrt und hasst und schmachtet, das ist nicht so einfach zu sagen. So wirklich eins ist hier niemand mit sich. „Ich bin nicht mehr da, ich bin.“ werden die letzten Worte an diesem Abend sein.

Kalauerndes, abschweifendes, theoretisierendes Textungetüm

Nach diversen Prinzessinnen hat sich Elfriede Jelinek einer Dichtergattin angenommen, der Nymphe Eurydike. Während die Geschichte des Sängers Orpheus, der seine Liebste dank seines schönen Gesangs der Unterwelt entreißen will, in Ovids Dichtung „Metamorphosen“ aus der Perspektive des Leierspielers erzählt ist, ist bei Jelinek Eurydike am Wort. „Schatten (Eurydike sagt)“ ist der Titel des rund sechzigseitigen Monologs, eines kalauernden, abschweifenden, theoretisierenden, hyperventilierenden Textungetüms, das auf der Bühne erst einmal genau so ein Fremdkörper ist wie zwischen zwei Buchdeckeln (oder im Internet). In der Essener Philharmonie ist er im vergangenen Jahr in einer Strichfassung durch die Schauspielerin Johanna Wokalek vorgetragen worden.

„Uraufführung der Theaterfassung“ nennt Matthias Hartmann jetzt seinen Abend. Auch er hat kräftig gestrichen und das Ganze für seine Zwecke zurechtgebogen. Aus einer sich windenden, sich permanent selbst in Frage stellenden Textfläche, macht er einen pointensicheren, selbstzufriedenen Schlagabtausch zwischen sieben Eurydikes, einem Puppenspieler als Jelinek-Double und einem Orpheus als schmachtenden Schlagersänger. Im Zentrum der von Johannes Schütz mit einigen Drahtseilen unterteilten Bühne steht eine Showtreppe. Hier ist das Reich von Lucas Gregorowicz, eines sich permanent in neue Glitzerklamotten werfenden Orpheus, dem die Weisen eines Falco wesentlich näher sind als jene seines Seiteninstruments.

Er ist erhöhter Flucht- und Reibepunkt der sieben Eurydikes, die ihm wahlweise wie Groupies zujubeln oder hinter ihren Masken mit Spott überhäufen. Fast jede von ihnen hat einmal an diesem Abend einen großen Auftritt, sie dürfen dann wie eine alte Schleiereule auf die kreischenden Küken schimpfen (vergnüglich: Christiane von Poelnitz) oder mit umgeklebten Freud-Bart auf einen Fernseher einhämmern (schrill: Sabine Haupt).

Ab und zu schaltet sich der Puppenspieler Nikolaus Habjan, der mit einer Jelinek-Puppe vorne an der Bühnenrampe sitzt, in die Nummern ein, und darf übers Schreiben lamentieren: „Mein Werk ist eintönig“ , sagt er als Frau Jelinek, und auch wenn das nicht den Monolog betrifft, den sie in ihren Computer gehämmert hat, dann trifft das doch auf die Theaterfassung zu, die der Regisseur erstellt hat. Aus dem Fundus der unterschiedlichen Jelinek-Inszenierungsweisen hat er sich das herausgepickt, was ihm zupass kommt. Was sich quer legen könnte, das wird großräumig umschifft. So vergnüglich die Jelineksche Selbstauslöschungsmaschinerie auch vor sich hin schnurrt: So klein ist sie an diesem Abend gedacht.

Burgtheater Wien. 22. Januar, 17. Februar, www.burgtheater.at

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