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Calixto Bieito im FR-Interview: Das beste Theater der Welt

Ist es schwierig, die Schauspieler oder Sänger davon zu überzeugen, dass sie zum Beispiel nackt sein müssen?

Nein, sie fragen mich manchmal danach. Sie können sich das nicht vorstellen! Manchmal ist es meine Idee, manchmal die der Schauspieler. Manchmal muss ich sagen, nein, ich brauche das jetzt nicht. Warum bist du nackt? Es ist an dieser Stelle des Stücks nicht notwendig.

Denkt man, dass Sie das erwarten?

Nein, die Schauspieler wollen ... (er atmet tief die Luft ein) machen, sie wollen aus sich herausgehen. Sie denken: das ist ein Regisseur, bei dem ich frei sein kann, und das bin ich jetzt.

Was mögen Sie an Nacktheit?

Zwei Bekenntnisse: Meine ersten erotischen Phantasien hatte ich mit Rubens. Mein Vater, ein Arbeiter und Büchernarr, schenkte mir ein Buch, in dem der "Raub der Sabinerinnen" abgebildet war. Das andere Bekenntnis: Ich liebe nackte Menschen. Es ist so schön, Menschen anzusehen. Es ist wie malen, wunderbar. Das ist wirklich ganz naiv von meiner Seite. Manchmal nicht, das hängt vom Stück ab. Und ich mache nur Stücke, die ich liebe. Stücke, die ich hasse, könnte ich nie aufführen. Wenn Sie wollten, dass ich Rossini mache, würde ich sagen: Nein.

Ich mag Rossini.

Ich liebe ihn, aber nur zu Hause, vom CD-Spieler.

Wie nähern Sie sich Stücken?

Erst sehr akademisch. Ich lese Bücher. Dann frage ich mich, was das für uns heute bedeutet.

Hört sich traditionell an.

Es ist wunderbar. Ich interpretiere, nicht anders als Picasso, wenn er sich mit Velasquez' "Meniñas" beschäftigt. Der "Don Karlos" etwa wird voller Surrealismus sein. Manchmal öffne ich meinen Geist und dann ist da Buñuel. Ich liebe es, das zu tun, ich liebe Schiller, ich liebe den Surrealismus, ich liebe Spanien und ich liebe auch Deutschland.

Sie scheinen Deutschland wirklich sehr zu mögen.

Ich liebe es. Es hängt mit meinem besten Lehrer zusammen - es ist der Übersetzer des "Karlos", den wir hier aufführen. Ich habe so viele Bücher aus der deutschen Kultur gelesen. Ich habe nie Deutsch oder deutsche Kultur studiert, aber ich liebe dieses Land, es ist zivil und bewundert das Theater. Ich bin wirklich voller Respekt für dieses Land, seine Geschichte und Kultur. Auch das ist ein Bekenntnis, das ich öffentlich noch nie gemacht habe. Sie haben hier das beste Theatersystem der Welt.

Das ist sehr schön zu hören.

Glauben Sie mir, ich habe in Dublin, London, Mailand, Oslo, Amsterdam, Paris und wer weiß wo gearbeitet, ich habe den Vergleich.

Was macht das System so gut?

Dass jede Stadt ihr Theater und ihre Oper hat. Es ist, als sei das Theater in der DNA der Deutschen. Ich glaube, die Deutschen sollten das mehr wertschätzen! Ich habe heute einem alten Techniker im Theater zugesehen. Er war wunderbar, ganz mit sich im Reinen. Er wollte genau sein, was er war: ein Theatertechniker. Das war sein Leben. Europa würde sehr viel verlieren, wenn es das nicht mehr gäbe.

Verstehen Sie Menschen, die sich von Ihrer Arbeit nicht nur angeregt, sondern auch abgestoßen fühlen?

Inzwischen verstehe ich es besser, aber am Anfang war es sehr fremd für mich. Ich dachte immer: Sie wollen andere Sachen sehen, okay, aber das können sie doch.

Mögen Sie Skandale?

Nein, ich verabscheue sie.

Manchmal können Skandale eine Öffnung bewirken.

Ja, mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass ich einigen Theatern zu einer Öffnung verholfen habe mit meinen Arbeiten. Aber darum ging es mir nicht. Ich habe einfach das gemacht, was mir nahe war.

Ist Ihre Arbeit von Barcelona inspiriert?

Ja, ich bin eine Mischung aus Kastilien und Katalonien: Goya, Valle-Inclán, Buñuel, Dalí. Das steckt in mir drin. Und die Stadt inspiriert mich, sie ist so voller Talent. Aber ich bin eine spanische Mischung: Die Jesuiten, bei denen ich erzogen wurde, haben mir einerseits die Welt von Buñuel eröffnet, ich habe dort alle seine Filme gesehen, andererseits haben sie mich geschlagen und sie haben versucht, mich sexuell zu missbrauchen.

Das war damals normal, ich war längst nicht der einzige. Heute ist es dauernd als Skandal in den Zeitungen, damals war es normal. Es ist die katholische Welt: Wir waren alle Sünder und das macht einen sexuell attraktiver. Sie haben es nicht geschafft, weil ich abgehauen bin. Ich erinnere mich an mich selbst als rennendes Kind. Und gleichzeitig haben sie mir die Möglichkeit gegeben, alle diese Filme zu sehen. Das ist die Welt, aus der ich komme. Es ist gut so und es ist ein Gefängnis. Man kann daraus nicht ausbrechen.

Würden Sie das wollen?

Manchmal wäre ich gerne ... (er bläst Luft durch die Zähne). Wir leben in kleinen Gefängnissen und manchmal möchten wir ... (er haucht), wir möchten atmen. Manchmal habe ich für Momente das Gefühl, dass alles in meinem Geist ist. Das ist es: Öffne deine Arme, deine Brust, lass die Luft rein, lass jede Kultur rein, lass alles rein. Damit habe ich die gesamte Zeit zu kämpfen.

Interview: Peter Michalzik

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Datum:  16 | 6 | 2009
Seiten:  1 2
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