Theater

16. Juni 2009

Calixto Bieito im FR-Interview: Das beste Theater der Welt

Calixto Bieito wurde als Skandalregisseur berühmt. Foto: dpa

Der katalanische Regisseur Calixto Bieito macht Liebeserklärungen: An Schiller, an Deutschland, an nackte Menschen und vor allem an die Freiheit.

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Zur Person

Calixto Bieito, Direktor des teatre romeo in Barcelona, Opern- und Theaterregisseur, ist weltweit für Skandale berühmt. In Deutschland inszeniert er nun das zweite Mal ein Theaterstück.

Schillers "Don Karlos" hat am Freitag in Mannheim Premiere. Bieito erarbeitet die Aufführung mit Schauspielern seiner Truppe, er wird sie in Madrid und Barcelona zeigen.

Die Mannheimer Schillertage,die mit "Don Karlos" eröffnen, laufen bis zum 27. Juni und bieten ein knackiges Programm aus Gastspielen und Eigenproduktionen. Im Herbst wird Bieito mit Mannheimer Schauspielern und Wedekinds "Lulu" in Mannheim die neue Spielzeit eröffnen.

Calixto Bieito schwankt zwischen Erschöpfung und dem Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können. Er kommt von der Beleuchtungsprobe, es ist spät. Wenn er mit einem Blick, der so freundlich ist, dass man ihn lieb nennen möchte, vor einem sitzt, fragt man sich, wie dieser Mann als Skandalregisseur berühmt werden konnte. Es geht eine Art Seligkeit von ihm aus, die er offenbar mit der gesamten Welt teilen möchte.

Alles in Ordnung?

Ja, ich fühle mich gut, ein bisschen müde, aber gut.

Ich nehme an, dass Interviews über Sex, Gewalt und Skandale Sie mittlerweile langweilen?

Nein, ich werde dazu natürlich immer gefragt, aber so ist das Leben. Nein, es langweilt mich nicht.

Worüber sprechen Sie denn am liebsten?

Über Schriftsteller. Wenn ich nach Frankfurt komme, gehe ich immer an das Grab von Schopenhauer und verbringe dort etwas Zeit.

Man hört, dass Sie ein großer Schopenhauerbewunderer sind.

Ja, aber ich mag auch einfach den Platz, ein sehr ruhiger Ort. Ich liebe es, dort zu sein, nicht nur um an Schopenhauer zu denken. Ich setze mich hin, manchmal regnet es, aber ich sitze sehr gern dort. Es macht mich glücklich, ich weiß nicht warum. Es ist ein Friedhof, aber er macht mich glücklich.

Lassen Sie uns über Schiller sprechen, ein vollkommen anderer Schriftsteller als Schopenhauer. Was ist Ihre Beziehung zu Schiller? Was hat Sie veranlasst, für Ihre zweite Schauspielproduktion in Deutschland "Don Karlos" zu wählen?

Ich habe die Oper in Basel gemacht. Aber Stück und Oper sind sehr unterschiedlich. In Schillers Drama mag ich die Mischung aus Deutschem und Spanischem. Ich bin mit der Epoche, in der das Stück spielt, Ende des 16. Jahrhunderts, die Zeit Philipps II., sehr vertraut. Gleichzeitig liebe ich den deutschen Idealismus - und das zusammen in einem Stück, das ist unwiderstehlich.

Und was ist Ihre Absicht mit dieser Mixtur?

Schiller ist so voller Leidenschaft. Gleichzeitig wollte er vollkommen frei sein. Darum geht es mir: Gefängnis und Freiheit. Das Gefängnis kann der Staat, die Familie, die Kirche sein, alle Institutionen, die einen unfrei machen. Schiller hat das alles zurückgewiesen. Da ergeben sich Verbindungen zum katalanischen Anarchismus, der eine lange Tradition hat. Das ist eine Art Utopie für mich. In den 1930er Jahren gab es in Katalonien eine wunderbare Zeit, nicht dass die Inszenierung davon handeln würde, aber davon bin ich vollkommen fasziniert.

Dann müsste der Marquis von Posa aus dem "Karlos" für Sie eine echte Identifikationsfigur sein.

Er ist tot. Der Marquis de Posa ist tot.

Sie meinen, dass es heute keinen Posa mehr gibt?

Nein, wir haben Versprechungen, Verheißungen, aber wir haben keinen Posa mehr. Es gibt Posa nicht mehr.

(Langes Schweigen.)

Rüdiger Safranski hat in seiner Schiller-Biografie sinngemäß geschrieben, dass Schiller gleichzeitig Posa erfunden und die Guillotine als Ergebnis der Französischen Revolution gesehen hat. Posa hat die Guillotine vorbereitet. Seine Art Idealismus war die Katastrophe. Die Ideen Posas sind sicher sehr schön, sie sind noch lebendig - gib mir meine Freiheit zum Denken und zum Fliegen -, aber ich glaube nicht, dass wir daran arbeiten, diese Freiheit zu verwirklichen. Wir arbeiten am Gegenteil.

Sie denken, die Welt wäre ein besserer Platz, wenn Posa in ihr leben könnte?

Selbstverständlich. Ich bin sehr romantisch und glaube, wir haben vor vielen Jahren Posa getötet.

Wir leben in einer Welt von Philipps, kalten Technokraten?

Ja.

Bewundern Sie Philipp?

Nein! Er sagt einen berühmten spanischen Satz, den ich hasse: Denke schlecht über jeden, und du wirst Recht haben. Ich habe mich mit seinem Leben an der Uni beschäftigt. Ich kann keine Bewunderung für solche Typen haben, die radikal sind und so viele Menschen auf dem Gewissen haben.

Philipp hat die Kraft, Dinge zu tun, von denen er weiß, dass sie nicht gut sind, von denen er aber glaubt, dass sie getan werden müssen. Dafür kann man ihn bewundern.

Aber er tut schreckliche Dinge. Die neuere spanische Geschichtsschreibung geht inzwischen davon aus, dass sein Sohn Carlos vom Staat, das heißt von ihm ermordet wurde. Ich glaube nicht, dass Carlos ein Held ist, genauso sicher ist aber auch, dass ich die Monarchie nicht mag.

Vor ein paar Jahren wollten Sie Verdis "Don Carlo" in Mannheim aufführen und haben es dann sehr schnell gelassen. Was war das Problem?

Wollen Sie die Wahrheit hören?

Sagen Sie die Wahrheit und wir sehen dann, ob wir sie veröffentlichen wollen.

Nein, nein, ich habe keine Angst, es ist ja etliche Jahre her. Ich habe damals kein Wort dazu gesagt, für meine Arbeit kein Geld verlangt, ich habe nur mein Ticket gekauft und bin sofort nach Barcelona geflogen. Nun: Es gab damals zwei oder drei Sänger, die die Arbeit komplett verweigert haben.

Wissen Sie warum?

Nein. Aber die Atmosphäre war vom ersten Moment an schrecklich. Und ich möchte meine Arbeit nicht in einer solchen Atmosphäre machen. Es ist nur Oper, nur Theater, nur ein Spiel. Ich brauche wirklich keine Blumen, ich kann mich mit unterschiedlichen Ideen und Vorstellungen auseinandersetzen, aber nicht mit Vorurteilen. Ich kann vollkommen tolerant sein, ich kann diskutieren, ich kann wirklich unterschiedliche Vorstellungen akzeptieren. Aber ich kann nicht in vergifteter Atmosphäre arbeiten.

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