Als Dana Caspersens "Radio Mythic Theater" vor etwas weniger als einem Jahr Uraufführung hatte, muss dieses Tanzstück mit mythischem Thema - Prometheus stiehlt für die Menschen das Feuer - noch ganz anders ausgesehen haben: Fotos zeigen vier farbig gekleidete Tänzer mit langen Stöcken, mit denen sie zuletzt hakelten, sich halfen und sich behinderten. In der nun für Frankfurt (für einige Aufführungen im Bockenheimer Depot) entstandenen Neufassung gibt es, dem Text entsprechend, nur noch drei Götter, Athene, Zeus, Prometheus, ihre Bewegungsrollen sind kleiner, die der Menschen sind größer geworden.
Caspersen, die Ende der Achtziger zum Frankfurter Ballett William Forsythes kam und jetzt Teil der Forsythe Company ist, hat den Olymp besetzt mit älteren Tänzer mit intensiver Ausstrahlung (Christine Bürkle, Alessio Silvestrin, Emmanuel Obeya); die vier schwarz gekleideten Sterblichen (Ekaterina Cheraneva, Robin Rohrmann, Sebastian Schulz, Romain Thibaud Rose) dagegen sind jung und müssen zunächst auf vier roten Gymnastikmatten bleiben, eine recht beschränkte Welt. Später, mit Feuer im Leib, geht es ihnen auch nicht viel besser, wie Spielbälle rollen sie über den Boden.
In einigen Forsythe-Stücken hatte die kleine blonde, sehr prägnante Dana Caspersen Sprecher-Rollen, teils schrieb sie schon damals die Texte selbst oder war Co-Autorin. In "Radio Mythic Theater" hört man sie aus dem Off, sie ist Athene, dazu Richard Siegal als eine Art Radio-Sportkommentator des Geschehens: "Augenblick! Da ist er, da ist Prometheus, er kommt näher, er, was macht er denn?"
Der quecksilbrige Dieb
Es ist eine reizvolle, wenn auch etwas rätselhafte Form, in die Dana Caspersen den alten Mythos fasst. Da ist eine kühl-neugierige Athene (Bürkle), die nicht alle Entscheidungen ihres Vaters mittragen will, wie sie sagt, und deswegen Prometheus hilft. Da ist ein quecksilbriger Dieb (Silvestrin), der ein rührendes Liebeslied schrammelt für Athene. Da ist ein eher wenig bedrohlicher Zeus (Obeya), der zuletzt mit warmer Stimme "Ain´t no Sunshine" singt. Die Variationsbreite ihrer Bewegungen ist nicht groß, aber aus dieser Sparsamkeit Caspersens entstehen doch Götter, die einerseits sehr präzis agieren, andererseits etwas von nervösen, wachsamen Tieren haben. Besonders Silvestrin macht ganz reizende, tierchenhafte Hand- und Kopfbewegungen.
Freundlicherweise bekommt man vorab ein Heftchen mit dem ins Deutsche übersetzten Text. In seiner englischen Form wird er in der Aufführung begleitet von feinen Natur- und Tiergeräuschen plus ein wenig Elektronikklang (Musik Joel Ryan, Klangdesign Sebastian Rietz). Ein Bühnenbild braucht es nicht, die Beleuchtung Tanja Rühls führt den Blick. "Radio Mythic Theater" ist ein zartes, zurückhaltendes Tanz-Theater mit einem hübschen Text, den man sich auch in einer Literaturzeitschrift gut vorstellen könnte. Mit diesem Stück meldete sich die Forsythe Company für eine Weile in Frankfurt zurück, am 20. November folgt eine Uraufführung Forsythes.