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Theater

13. November 2009

Castorfs "Ozean" in Berlin: Die Farce auf die Farce

 Von Peter Michalzik
Geschafft! Revolutionen machen Spaß, besonders wenn sie ein Nachspiel auf der (Volks)Bühne sind.  Foto: Thomas Aurin

Frank Castorf watet im Schlamm der Geschichte: "Ozean" an der Berliner Volksbühne ist eine verstiegene, nicht unsympathische Versammlung von Journalisten, Revolutionären, Huren, Geistlichen und anderen.

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Vor kurzem wurde an genau dieser Stelle der Gegensatz zwischen Hans Magnus Enzensberger und Heiner Müller herausgestellt. Dabei geht es nicht um West und Ost, es geht um das Denken des Lichts und der Finsternis. Enzensbergers geistige Beweglichkeit ist das Florett der Aufklärung, Müllers geistige Coolness kommt dagegen aus einer Identifikation mit dem Satanischen, der Stasi, dem Reich des Bösen. Insofern sind wir alle Enzensbergers.

Für Frank Castorf - der Intendant, der schon seit Jahren mit einer gewissen Lust seine Volksbühne in und durch die Krise führt - ist es dagegen vollkommen selbstverständlich, dass sein Theater in der finsteren Welt Müllers spielt. Im Interview mit dem Berliner Stadtmagazin Tip sagt er, dass er sich an das Stück "Ozean" erinnert habe, weil Müller zuletzt immer davon geredet habe. Er spricht über das Stück, als sei es von Müller und als lebe der noch. Nun ist "Ozean" ein unglaublich kolportagehaftes und unglaublich langes Atlantiküberquerungsstück, das nicht von Heiner Müller, sondern von Friedrich von Gagern (1882-1947) stammt.

Frankfurtern ist dieser Name durch ein humanistisches Gymnasium bekann, das aber nach Heinrich von Gagern und nicht nach Friedrich benannt ist. Beide entstammen einer Familie, die sich vor allem deutschnational, im Felde und in der 48er Revolution einen Namen gemacht hat. Das bisher unaufgeführte Seestück von Friedrich, Untertitel "Der Deutschen Not", ist ein Reflex genau dieser Revolution. Und damit sind wir wieder bei Castorf/Müller.

Castorf sieht unsere heutigen Zustände als die Farce der Farce der Farce. So viel Uneigentlichkeit kann es eigentlich gar nicht geben: 1848 die Farce von 1789, Gagerns Stück die Farce zu ´48, Müllers Welt die Farce zu Gagern, Castorf die Farce zu Müller. Und alles eine Farce der Wende.

Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Man versteht in der Volksbühne, sitzt man nicht zufällig in der ersten Reihe, ohnehin nur die Hälfte. Die Schauspielerin Bärbel Bolle zum Beispiel versteht man gar nicht, die Schauspielerin Anne Ratte-Polle dagegen schon. Früher wurden die Teile, die man nicht sah und hörte, hier wenigstens per Video zu den Zuschauern übertragen, jetzt finden sie auf offener Bühne statt und man versteht trotzdem nichts. Deshalb gibt der Zuschauer bald übertriebene Sinnbemühung auf und verfolgt die Handlung eher lax.

Das macht aber nichts, denn es ist möglicherweise durchaus im Sinne des Erfinders Castorf (wer versteht schon alles?). Außerdem wurden in der sowohl räumlich als auch dramaturgisch durchrenovierten Volksbühne (die Aufführung ist gleichzeitig die Wiedereröffnung des gern Tanker genannten Theaters) die Stuhlreihen durch große Sitzsäcke ersetzt. So kann man entspannt die Beine ausstrecken, sich zurücklegen und das vollständig mit schwarzen und offenbar schallschluckenden Plastikplanen ausgehängte Theater betrachten.

Hat man sich daran gewöhnt, kann man die viereinhalbstündigen Mühen durchaus genießen. Neben den Planen ein paar Paletten, Kisten und Kissen (von Bert Neumann): Das ist das riesige Zwischendeck im Bauch des Schiffes, dessen Bewohner wir alle sind, kein Licht, keine Luft und irgendwann nichts zu fressen und kein Wasser - aber endlos viel Zeit. Klar entwickelt man da Utopien und Revolutionsgedanken.

Darum geht´s hier, eine unglaublich verstiegene, aber nicht unsympathische Versammlung von Journalisten, Schriftstellern, Revolutionären, Zuhältern, Huren, Geistlichen, schlesischen Webern und Menschen in eben jenem Zwischendeck auf der Reise in die Neue Welt. Dramatische Entwicklung: Man hat nichts zu trinken, man kentert, man kommt auf einem Floß doch noch an.

Daraus wird ein semirevolutionäres Volksbühnenvolk, schnoddrig-snobistisch hingestellt, durchweg sehr robust gespielt. Max Hopp, Schriftsteller, zerrt Laura Lo Zito, blinde Hafendirne, wie einen leblosen Teddybär durch einen Tanz. Man brüllt, man wird heiser. Nur Dieter Montag, der Kapitän, hält das aufmüpfige Volk mit einer Pistole in Schach und möchte den sehen, der ein Schiff mit Menschenrechten durch Eis und Sturm führt. Dazwischen sprechendes Liedgut, von "Good bye Jonny" bis zu "Deutschland, Deutschland, über alles" und "Brüder zur Sonne", zuweilen gespielt auf einer "Arschgeige in Dis".

Thema ist die Revolution. Ohne da jetzt in die Einzelheiten gehen zu wollen: Castorf zieht sie, sich und das Stück nicht durch den Kakao, er zieht sie und sich durch den Schlamm. Der Unterschied ist entscheidend. Er will im Dreck und im Morast der Geschichte stecken. Manchmal ergibt sich daraus Großes: Anne Ratte-Polle ersetzt Gagern einmal durch Artaud und schleudert Sätze wie "Alle großen Mythen sind schwarz wie die Pest!" um sich. Das heult sie mit herabgerutschten Trägern verzweifelt heraus und haut es uns wie ein wiedergeborener weiblicher Hitler um die Ohren. Fast ebenso groß Volker Spengler, der Gott entgegendonnert, dass er vor seinen Richter treten soll. Und zwar so, wie wenn er selbst Gottvater wäre.

Danach lehnt man sich wieder zurück und fragt sich, warum man hier diesen aufgeblasenen, vergessenen Text fast vollständig vom Blatt spielt und warum man dazu eine neue Dramaturgie braucht. Meermacht witzelt die Volksbühne, meerhaft denkt der Zuschauer. Dann schaut man wieder und sieht viel Regen, ein Floß der Medusa mit schön schlaffem Segel und einem hell strahlenden Todesstern. Dann versteht man wieder nichts, schließt die Augen und hört nur noch das Rauschen des heiseren Tonfalls: Brüllen als Predigt und Vorwurf.

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