Theater

26. Oktober 2009

Charta von Mandén: Kein Mensch soll Sklave sein

 Von Arno Widmann
Nahe Malis Hauptstadt Bamako liegt der Ort, an dem die Charta einst verabschiedet worden sein soll. Foto: dpa

Ein König, der die Sklaverei verbot, und den wir im Westen nicht kennen: Soundiata Keita aus Mali veranlasste die Charta und den Eid von Mandén, die nun zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Von Arno Widmann

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Soundiata Keita hatte zu Beginn des 13. Jahrhunderts in der Schlacht von Kirina den König von Sosso, Soumangourou Kanté besiegt. Wir haben niemals auch nur einen dieser Namen gehört. Nicht eine einzige Minute unseres Schulunterrichts wurde darauf verwendet, sie uns näherzubringen. Keiner unserer Geschichtslehrer kannte sie. Auch die meisten Historiker unter Ihnen, liebe Leser, lesen eben jetzt zum ersten Mal von Soundiata Keita.

Dabei geht es um eines der wichtigeren Daten der Weltgeschichte. Soundiata Keita lud die Granden des Landes Mandén zusammen, um seinen Sieg zu feiern und um dem Land eine Verfassung zu geben. Eine Verfassung? Ja, eine Verfassung, auf die die Vertreter der Stämme einen Eid schwörten. Es ist die Verfassung von Mandén, la Charte de Mandé oder die von Kurukan Fuga. So nämlich hieß der Ort, an dem sie verabschiedet wurde. Er liegt etwa 90 Kilometer entfernt von Bamako, der Hauptstadt der heutigen Republik von Mali.

Die Unesco hat die Verfassung von Mandén vor ein paar Wochen in das Weltkulturerbe aufgenommen. Wo ist sie zu besichtigen? Wo wird sie aufbewahrt?

Sie ist nicht zu besichtigen. Es gibt keine Handschrift. Es gibt keinen Text. Die Magna Charta aus Mali wurde mündlich überliefert. Mali? Ja, nicht nur der Mensch kam aus Afrika, sondern womöglich auch noch die Verfassung. Jedenfalls eine Verfassung, die festlegte, dass Kriegsgefangene nicht versklavt werden durften. Ein Vergleich mit der englischen Magna Charta aus dem Jahre 1215 zeigt deutlich, wie viel weiter und radikaler die Autoren der Charta von Mandén darüber nachgedacht hatten, was menschliche Freiheiten sind. Das hatte mit der Gesellschaftsstruktur zu tun.

Auf der einen Seite setzte sie sich - so sagte der erste Artikel der Verfassung - aus u.a. Schmieden, Jägern, Händlern, Sklaven und Dichterpriestern zusammen. Auf der anderen Seite aber erklärte der vierte Artikel: "Die Gesellschaft teilt sich in Altersklassen". In diesen spielte es keine Rolle, zu welcher der Gruppen man gehörte. Auch gab es rechtlich keinen Unterschied zwischen Frau und Mann, Freien und Sklaven. Die beiden Klassifizierungssysteme standen einander im Wege. So scheinen in der Weltgeschichte Freiräume zu entstehen.

Die Datierung ist schwierig

Natürlich ist Skepsis angebracht, was das Alter des Wortlauts der Erklärung angeht. Es gibt keine wirklich kritische Geschichte der Charta von Kurukan Fuga. Es wird auch schwierig sein angesichts der ausschließlich mündlichen Überlieferung eine verlässliche Datierung des überlieferten Textes zu erhalten.

Wer das 2008 bei L´Harmattan in Paris erschienene Bändchen "La Charte de Kurukan Fuga - Aux sources d´une pensée politique en Afrique" liest, wird womöglich noch skeptischer werden. 1998 sollen Erzähler am Abend eines Seminars über mündliche Überlieferungen ein Lob auf Soundiata Keita gesungen haben. Und dann trugen sie die Charta vor.

König Soundiata Keita ist eine der mythischen Gestalten der westafrikanischen Geschichte. Man kann sich gut vorstellen, dass ihm von immer neuen Generationen der wandernden Erzähler - den Homers der Region - immer neue Errungenschaften angedichtet wurden.

Wie auch immer aber die Entstehungsgeschichte der Charta von Mandé aussehen mag, ihr Text macht deutlich, dass die Menschenrechte kein westlicher Import sein müssen, sondern auch in Afrika sich auf einheimische Traditionen berufen und stützen können.

Die Charta von Mandén wurde begleitet - so lautet die Überlieferung - vom Eid von Mandén. Er ist deutlich radikaler. Er schafft auch die Sklaverei selbst und nicht nur die Versklavung von Gefangenen ab. Ihn drucken wir hier ab. Soweit wir wissen, wurde er noch nie auf Deutsch veröffentlicht.

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