Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Theater

14. Januar 2013

Christa Wolf am Staatstheater Wiesbaden: Verwischende Worte

 Von Marie-Sophie Adeoso

„Kassandra.Sehen“, eine sprachmächtige Inszenierung von Christa Wolfs Erzählung in Wiesbaden

Drucken per Mail

Es ist ein Abend der Worte. Der gesagten und ungesagten, der geschriebenen und aus dem Körper herausbrechenden, ein Abend der mahnenden, flehenden Sprache, die doch niemand zu vernehmen und verstehen vermag.

Es sind zwei Studentinnen, die diesen sprachmächtigen Abend im Studio des Wiesbadener Staatstheaters verantworten, eine Koproduktion mit der Hessischen Theaterakademie. Regisseurin Ksenia Ravvina und Dramaturgin Larissa Bischoff haben, unterstützt von der erfahrenen Dramaturgin Dagmar Borrmann, ein gut einstündiges Destillat aus Christa Wolfs „Kassandra“-Erzählung herausgeholt. „Kassandra.Sehen“, dargestellt von drei ebenfalls jungen Schauspielern und einem Tänzer, überzeugt mit dramaturgischer Stringenz, die gleichwohl die Schwere des Stoffes mit zartem Humor aufzulockern weiß. Da wird der Troja-Mythos zum munteren Assoziationsspiel zwischen den Darstellern, die sich den goldenen Zankapfel der griechischen Gottheiten zuwerfen, und die Biografie Kassandras zum Familienstandbild mit wechselnden Rollen.

Eine minimalistische Ausstattung, karge Stühle, im schwarzen Bühnenraum, verstärkt den Fokus aufs Sprachliche, von den Schauspielern umgesetzt mit verbaler wie physischer Wucht. Die Leerstellen der Sprache füllt Tänzer Andrea Schuler mit raumgreifenden Bewegungen.

Rufe verhallen im Raum

Franziska Werner spielt die Königstochter und Seherin, die den Untergang Trojas heraufziehen sieht und doch nicht verhindern kann, mit feinsten Nuancen. Mal wirft ihre Sprache sie zu Boden, wo ihr Körper sich scheinbar knochenlos auf die schwarzen Planken krümmt und doch trotzig aufbäumt. Dann wieder verhallen ihre hervorgestoßenen Rufe im leeren Raum, zurückgeworfen von einem Stabmikrofon, das sich – über ihr hängend – langsam entfernt.

Kassandras Worte verteilen sich auch auf Werners Mit-Darsteller Rajko Geith und Benjamin Kiesewetter, die der Ungehörten ein Gegenüber bieten und im Echo der Worte doch nur den Schmerz des Nichtverstandenwerdens verstärken. Selbst in Kreide auf Wand und Stühle geschrieben, bleiben die Worte unerhört, verwischen in der Wiederholung zu unlesbarem Weiß.

Am Ende wird die Sprache nur mehr ein flatterndes Lid sein, ein Augenrollen, das Wörter in die Luft schreibt, die niemand vernimmt.

Staatstheater Wiesbaden, Studio: 20. Januar, 20. Februar. www.staatstheater-wiesbaden.de

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Times mager

Weich

Die „Weiche“ heißt „Weiche“, weil sie den beweglichen, nachgiebigen, „weichen“ Vorgang des Ausweichens erlaubt.

Heute: Das Times mager würde sich dem Verdacht einer Intelligenzquotientenabweichung um mindestens minus fünf bis zehn Punkte aussetzen, hätte es nicht mit all seinen Mitteln recherchiert. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 27. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 27. September 2016: Mehr...

Kalenderblatt 2016: 26. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 26. September 2016: Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps