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Theater

18. Januar 2016

Deutsches Theater Berlin: Flatulenz und Kontingenz

 Von Ulrich Seidler
Deutsches Theater Berlin: Michael Goldberg in "Die Affäre Rue de Lourcine", inszeniert von Karin Henkel.  Foto: Arno Declair

Karin Henkel treibt Eugène Labiches „Die Affäre Rue de Lourcine“ auf die erkenntnistheoretische Slapstick-Spitze: Ein erfrischender Abend am Deutschen Theater in Berlin.

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Alarm! Furzgeräusche im Deutschen Theater Berlin! Furzgeräusche in allen Varianten, dazu Schnarchen, Husten, Rülpsen! Minutenlang. Dazu kommt anschwellend verzweifeltes Wieso-finde-ich-sowas-lustig-Gekicher im Saal.

Die Geräusche stammen von einem Mann, der versteckt im Bett eines anderen Mannes liegt, welcher infolge eines alkoholbedingten Filmrisses annimmt, es handele sich um eine abgeschleppte Frau, die wiederum seine Frau nicht bemerken darf.

Deswegen tut der Gatte vor der Gattin möglichst synchron so, als sei er es, der da furze, schnarche, huste und rülpse. Weil es sich aber auch für einen Gatten eigentlich nicht gehört, vor der Gattin zu furzen, zu schnarchen, zu husten und zu rülpsen, zumindest nicht mit derartiger Lautstärke und Ausdauer, versucht er parallel den höhergradigen Anschein zu erwecken, dass er es irgendwie auch nicht ist.

Der würgende Blick der Gattin

Das ist hohe Schauspielkunst: So zu tun, als täte man etwas nicht, das man gar nicht tut. Und das alles gleichzeitig, bei schwerster restalkoholischer Lädiertheit und vor den fragenden, zweifelnden, drohenden, bohrenden, stechenden, ja sogar würgenden Blicken der Gattin.

Es kann also Entwarnung gegeben werden. Es wurde sich bei der Premiere von Eugène Labiches „Die Affäre Rue de Lourcine“, in der Regie von Karin Henkel, nicht unter Niveau amüsiert. Mit dem Lachreiz bricht sich eine alles relativierende metaphysische Ahnung Bahn: das Kontingenzgefühl. Zunehmend verzweifelt kichernd wird man sich dessen bewusst, dass alles, was ist, auch anders sein könnte.

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Oscar Lenglumé (Michael Goldberg), vermag sich nicht mehr an das Klassentreffen zu erinnern, und Mistingue, der ebenso amnesierte Kamerad im Bett (Felix Göser) kann ihm nicht helfen. Beim Frühstück liest Gattin Norine (Anita Vulesica) aus der Zeitung vor: Ein Kohlenmädchen sei letzte Nacht von zwei Trunkenbolden erschlagen worden. Alle Indizien deuten auf unsere mühevoll Wiederauferstandenen. Sie halten sich für Mörder. Was sie nicht wissen, die Zuschauer aber von Beginn an: Die Zeitung ist alt.

Bei Labiche nimmt nun die Komödienmechanik ihren Lauf: Die beiden Männer vertuschen – auch infolge weiteren Alkoholkonsums – auf erdenklich ungeschickte Weise eine Tat, die sie gar nicht begingen, und offenbaren dabei ihren schlechten Charakter. Kurz bevor sie einander als Mitwisser aus der Welt schaffen, reißt Labiche die Not-Happy-End-Bremse. Und alle: „Ist’s vorüber, lacht man drüber,/ Lachen ist gesund!“ Man könnte das, zumal in der Übersetzung von Elfriede Jelinek, für Bourgeoisie-Kritik halten.

So glimpflich geht es bei Henkel nicht zu. Durch ein paar Eingriffe in die zeitliche Fügung – die über dem Bühnenbild leuchtende Uhr spielt mehrfach verrückt – zeigt sich nämlich, dass die beiden, die doch eigentlich gar keine Mordtat begangen haben, doch zu Mördern taugen. Mistingue murkst, als sich der Verdachtsknoten zusammenzieht, zwei vermeintliche Zeugen ab: Den Vetter grillt er, die Dienerin sticht er ab, und erst dann erfahren sie, dass sie unschuldig sind, pardon: waren.

Die völlig andere Möglichkeit

Es könnte aber auch alles ganz anders gewesen sein und sich nur in Lenglumés Katerkopf abgespielt haben. Wenn sich da überhaupt noch etwas abspielen kann, wo doch das Bühnenbild von Henrike Engel – eine Art Friedhofskapelle mit weißen Vorhängen, Kreuz, Stubenorgel und Sargschacht – den Schluss nahelegt, dass Lenglumé die Nacht nicht überlebt hat.

Dass das Könnte-Sein auf der Bühne stets zum gleichberechtigten Ist wird, macht das Theater zu einem Teufelswerk: Dem Zuschauer wird vorgeführt, dass nicht nur Lenglumés, sondern auch sein Bewusstsein nicht in der Lage ist, einen festen Punkt zu finden, von dem aus es den Unterschied zwischen Schein und Sein dingfest machen kann, woraus eigentlich folgt, dass alles egal ist.

Henkel, die unter anderem Shakespeares „Macbeth“, Goethes „Werther“ und Kleists „Amphitryon“ zitiert, hat dieses Nichtwissenkönnen zur Slapstick-Grundlage ihrer Inszenierung gemacht. Alles, was geschieht, geschieht in mehreren Versionen gleichzeitig.

Per Drehbühne zeigt sich der Raum aus drei verschiedenen Perspektiven, Figuren werden verdoppelt oder verdreifacht. Die nur durch weiße Vorhänge getrennten Geschehensräume kragen ineinander, was natürlich zu Verwirrungen führt, die die Figuren mit mehr oder weniger Mühe ausblenden, weil sie sich nicht mit den Vorgaben ihres Bewusstseins versöhnen lassen. Manchmal kommt es zu Echo-Erscheinungen, Übersteuerungen oder Bildstörungen.

So richtig zufrieden ist man mit der Toten-Traumauflösung dann zwar nicht, aber hoch erfrischt und bereit für die Verwirrungen des Lebens zieht man in die Welt. Jubelgeräusche im Deutschen Theater!

Deutsches Theater Berlin: 20., 22. Januar, 15., 24. Februar. www.deutschestheater.de

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