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Theater

28. September 2009

Deutsches Theater Berlin: Gefühl auf dem Schlachtfeld

 Von Tobi Müller

Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" in Berlin: Regisseur Andreas Kriegenburg sieht rot. Von Tobi Müller

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Unheimlich toll an Theaterräumen ist manchmal, dass sie alles schon wissen. Die Figuren, die vom Stück über die Bretter geschoben werden, spüren die Last des Schicksals, das die Bühne ihnen weist. Sehend in die Katastrophe gleiten: ein Modell, das seit den alten Griechen für volle Säle sorgt. Andreas Kriegenburg inszeniert Kleist im Deutschen Theater in Berlin, das Preußendrama "Prinz Friedrich von Homburg". Und alles ist rot, nass und toll. Die Bühne ist eine riesige, monochrome rote Ruhmeshalle, an der Rückwand prangt ein goldener Preußenadler. Der Boden, eine einzige Pfütze. Alles ist unheimlich, unheimlich schön.

Andreas Kriegenburg, der seine Bühnen oft selbst entwirft und ihrer Bildkraft vielleicht deshalb so vertraut, hat den großen Farbtopf genommen und nicht gekleckert. Es ist ein wahrlich wahnsinniger Raum. Er lässt nicht nach, den Motor von Kleists Triebmaschine in ein Bild zu fassen. Rot: Es geht um Liebe, aber auch um Blut und Staat. Wasser: Es geht um Tränen. Selbst für einen geografischen Kalauer ist noch Platz im Bühnenbassin: Der "Homburg" spielt in Brandenburg, und da gibt es viele Seen (und im Sommer viele Hochzeiten).

Aber der Raum kann noch mehr als die Deutung auszurichten. Er setzt den Ton für diese Inszenierung, diese Choreografie, diese Sprechoper. Es ist ein konzentrierter Ton, der zur Sprache zwingt, auch wenn in den 100 Minuten ziemlich viel Text wegfällt. Der junge Schauspieler Ole Lagerpusch bedankt sich. Sein Prinz, der zu schnell in die Schlacht schießt, weil er von eiliger Größe träumt wegen großer Eile in der Liebe, dieser Prinz von Homburg hat bei Lagerpusch viele Töne. Die leisen gelingen ihm am besten - auch weil sie so gut über das Wasser tragen.

Ob er träumt, ob er wacht, fragt sich Homburg, als er verhaftet wird für sein Vergehen. Lagerpusch reißt die Augen auf, flüstert schier mit zitternden Lippen, auf denen doch ein seliges Lächeln liegt. Expressionismus auf Zimmerlautstärke, der Krebs des Übergroßen im Privaten - das ist der inszenatorische Zugriff auf diesen Teufelstext. Genau im Moment der staatlichen Sanktionierung seines Handelns entwickelt Homburg die höchste Intensität der Gefühle. Homburg ist ein Emo, wie die Jugendkultur heißt, die schwarze Haare und Kajal trägt, Tokio Hotel hört und intensive Sanftmut lebt.

Dieser Homburg zeigt nun, wie solche Sanftmut, so lange sie einzig vom Wunsch nach Intensität beseelt wird, für staatliche Gewalt empfänglich ist. Gefühl gibt es nicht nur im warenförmigen Kinderzimmer und dank geschminkter Tränen, Gefühl gibt es auch im Schlachtfeld. Stalingrad in der Hitparade, Tokio Hotel bei Kleist. Der Schauspieler Lagerpusch ist auch als Typenbesetzung ideal: weiche Gesichtszüge, schwarzer Schopf, schön und feinfühlig wie eine balladeske Kampfsau.

Doch Kriegenburg ist kein Adorno-Rechthaber, der jede kulturelle Regung jenseits von Schönberg unter Faschismus-Verdacht stellt. Er liest bloß genau und baut selbst intensive Bilder. Tatsächlich finden schon bei Kleist die Tauschgeschäfte an der Grenze zwischen Gesetz und Gefühl statt. Eine Grenze, deren Auflösung Kriegenburg konsequent zeigt. Als es in die Schlacht geht, schmeißt sich Homburg mehrmals selbst ins Wasser, dass es spritzt wie beim Fotoshooting - stärker verliebt in das eigene Bild als in den Gedanken. Das "zur Schlacht" faucht er dann bereits sehr böse im Chor mit Kumpel Graf Hohenzollern.

So opernhaft die Figuren über das kalte Tränenmeer verteilt sind, so zunehmend tänzerisch sprechen sie miteinander. Vor allem die Jungen. Nathalie von Oranien will ihrem Prinzen die Farbe aus dem Gesicht reiben, reiben, reiben. Es sind Spuren der Schlacht und des Kerkers, Erinnerung an das libidinös durchdrungene Gesetz, das Homburg gerade zu genießen beginnt. Nathalie sagt es schon richtig: "Das Kriegsgesetz, das weiß ich wohl, soll herrschen, / Jedoch die lieblichen Gefühle auch." Doch das Kriegsgesetz, das sind die Gefühle.

Der Staat hat sich der Leiber und Seelen bemächtigt, Briefe und Befehle tragen diese kriegerischen Emos von nun an buchstäblich auf dem Körper - auf die Hand und auf die Oberkörper geritzt. Nur die alte Garde kennt noch die Distanz des Papiers, etwa Obrist Kottwitz. Bernd Stempel macht das kurz vor Schluss fabelhaft. Seine Rede über das Wesen von Freiheit und Gesetz wird immer lauter und nur vermeintlich rhetorischer. Ohne der Ironie zu verfallen, macht Stempels Kottwitz klar: Meine Figur ist old school, die Trennung von Staat und Liebe eine alte Vettel.

Deutsches Theater Berlin: 1., 2. und 8. Oktober. www.deutschestheater.de

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