Die Berliner Schauspielerin Margit Bendokat schafft mit ihrer lokalen Färbung etwas, das nur wenige Schauspieler können: den Dialekt dem Milieu entreißen und auf der Bühne eine Kunstsprache pflegen. Bendokats leichtes Kunst-Berlinerisch lässt ihre Figuren zwischen Unterwerfung und Renitenz schillern.
Margit Bendokat eröffnet diesen Abend im Deutschen Theater, der eine Erzählung von Tschechow zu erzählen vorgibt: "Krankenzimmer Nr. 6". Doch bald entscheidet sich Regisseur Dimiter Gotscheff für eine tieftümelnde Best-Of-Tschechow-Show, eine Schnitzeljagd durch die Dramen.
Bendokat spielt die einzige interessante Figur. Sie rahmt das Spiel, bringt es hervor, kommentiert es gestisch. Wie eine Alice, ein spätes Mädchen mit Zöpfen, bringt sie uns ans andere Ende der Welt. Sie öffnet den Liftschacht und lässt die Akteure des Abends auf die leere Bühne frei: eine Gruppe von Geisteskranken mitsamt des Arztes, der am Ende selbst als Insasse enden wird. Bendokats Figur erschafft und zerstört zugleich, ist die brutale Wächterin wie die heimliche Dichterin. Da passt ihr Klang wunderbar, der nicht mehr unterscheidet zwischen Oben und Unten, Gnade und Gewalt.
Doch der größte Teil des Abends geht tatsächlich dafür drauf, dass irgendeiner der Anstalts-Insassen zusammenhanglos Rollen-Fragmente aus irgendeinem Tschechow-Klassiker darbietet. Es gibt ein paar schöne Wimmelszenen und Bühneneffekte, welche die Angst vor der Ich-Auflösung in ein Bild bannen. Doch auch Schauspieler dieses Kalibers stehen in kurzen Hosen da, wenn sie Fitzelchen als Weltliteratur verkaufen müssen.
Es wird nichts ausgelassen
Abholzen! Abholzen! Abholzen! Almut Zilchers Figur kennt kein Pardon, um uns klar zu machen, dass gerade "Der Kirschgarten" zitiert wird. Später ist sie die Schauspielerin aus der "Möwe", Katrin Wichmann mit Schleierchen gibt mal die kleine Nina aus selbigem Stück. Harald Baumgartner darf erst in der Tat eine Nebenfigur aus "Krankenzimmer Nr. 6" geben, bevor auch er und Andreas Döhler sich quer durch "Drei Schwestern" und "Onkel Wanja" sampeln. Es wird nichts ausgelassen.
Außer der eigentlichen Erzählung. Die 70 Seiten im Taschenbuch konzentrieren sich in der Hauptsache auf einen weltflüchtigen Arzt im maroden Provinzkrankenhaus und einen adeligen Insassen, einen Paranoiker von Verstand. Findet zumindest der Arzt, der im Kaff sonst keinen zum Reden findet. Die beiden führen einen Disput über Schmerz, eine Groteske zwischen der Gleichgültigkeit des Arztes und dem Zynismus des dem Wahn Verfallenen.
Tschechow entscheidet sich nicht, er zeigt nur. Etwa auf die irritierende Gleichzeitigkeit von Brutalität und fortschreitender Moderne. In Berlin ist Wolfram Koch der Adelige, Samuel Finzi der Arzt. Aber auch sie spielen immer wieder Tschechow-Jukebox. Vom Konflikt bleiben ein paar Sätze und ein paar Bilder. Die sind gut, aber von der Länge eines Trailers.
Dann geht es nur noch um Hass
Finzis Arzt führt die Kranken gefühlvoll an, macht Atemübungen und Motivationstraining. Noch gibt es den Glauben an den Fortschritt. Später treiben die Kranken den Arzt vor sich her. Da geht es nur noch um Hass. Ein schöne, kleine Umkehrung.
Den Kern der Erzählung, die halbphilosophische Erörterung des Leidens in eine Kunstreflexion zu verwandeln , scheint die Absicht dieser aufwändigen Vermeidung zu sein, in der Psychiatriepatienten sich als Schauspieler entpuppen. Doch das Scheinwerfer-Ballett, das dicht über der Szene schwebt wie in einem Krieg der Kameras, beleuchtet nur das Bild der leerlaufenden Dramenautomaten. Gotscheff ist ausgerechnet mit diesem harten Text weich geworden. Ein Text, der ohne die Melancholie der Unabänderlichkeit auskommt, der sonst so viele Tschechow-Stücke grundiert.
Deutsches Theater, Berlin: 5., 7.,13., 21. März. www.deutschestheater.de