Theater

07. November 2012

Deutsches Theater: Hänsel und Gretel in Neukölln

 Von Cornelia Geissler
Katharina Schenk und Philipp Richardt kommen als Anna und Max aus der DDR zu Schülern von heute. Foto: Arno Declair

Das Deutsche Theater spielt in Berliner Klassenzimmern ein Stück von Sybille Berg. Wer daran zweifelt, ob das Theater noch in der Lage ist, die Smartphone-abhängigen jungen Menschen zu erreichen, der sollte sich diese Aufführung ansehen.

Drucken per Mail

Nicht nur Touristen ziehen mit Rollkoffern durch Berlin. Auch Maria Fels wuchtet jetzt öfter so einen Stoffkasten mit Rädern in die U-Bahn. Darin stecken Kleidungsstücke für zwei, eine olle Reisetasche, ein kleiner Rucksack, eine Landkarte, eine Hasen- und eine Hamstermaske. Fels ist Regieassistentin der Inszenierung von „Habe ich dir eigentlich schon erzählt“, das am Montag in der Box des Deutschen Theaters zu sehen war, aber sonst nicht dort gespielt wird. Sie zieht mit den Schauspielern Katharina Schenk und Philipp Richardt von Schule zu Schule, meist noch begleitet von der Dramaturgin Kristina Stang. Diese vier verwandeln Berliner Klassenzimmer in Außenstellen des DT.

Zum Beispiel im Leonardo-da-Vinci-Gymnasium. In dem Flachbau in Südneukölln, zwischen Kleingärten und Lidl, findet die Premiere statt. Das Publikum, die Klasse 9/4, sitzt an Tischen, die U-förmig im fast quadratischen Raum verteilt sind. An einer Wand hängen neben allerlei Plänen die Klassenregeln wie: „Jeder hat das Recht auszureden. Immer nur eine Person spricht.“ Die Schauspieler stellen sich vor die Tafel und halten sich nicht daran. „Hab ich eigentlich …“ beginnen sie dreimal gleichzeitig. Dann spricht nur Katharina Schenk: „Ich heiße Anna und werde bald 14.“ Murmeln, ungläubiges Grinsen an den Tischen vor ihr. Danach geht es ganz schnell. Sie beugt sich direkt zu zwei flüsternden Mädchen hin und sagt: „Ich glaube, dass in diesem Raum Geister leben, also sofern Geister leben.“ Klick, da hat sie schon das Publikum.

Intime Begegnung im Klassenzimmer

Wer daran zweifelt, was Theater kann, wer sich fragt, ob es noch in der Lage ist, die Smartphone-abhängigen jungen Menschen zu erreichen, der sollte sich so eine Aufführung angucken. Anders als im großen dunklen Saal kann man bei der intimen Begegnung im Klassenzimmer das Hineingleiten ins Drama spüren, ja sehen. Wie die Augen der Schüler Anna folgen, wenn sie von ihrer Mutter spricht, die trinkt! Wie die Münder zucken, wenn Max von dem Hund redet, den er gern verarbeiten würde zu „Hund im Ofen mit Salbei. Hund am Spieß mit Zwiebel im Mund“! Wie die Körper sich spannen, wenn sie den beiden gedanklich folgen, raus aus der DDR, nach Polen, Ungarn, ans Schwarze Meer.

Dazu braucht es einen guten Text. Das Stück „Hab ich dir eigentlich schon erzählt?“ nach einem „Märchen für alle“ von Sibylle Berg hat, abgesehen vom Alter der Protagonisten, nichts mit dem Leben der Schüler zu tun. Die erzählte Handlung beginnt in der DDR in den frühen Achtzigerjahren und bewegt sich aus einem grauen Alltag in ein surreales Irgendwo. „Ich fühle mich wie Hänsel und Gretel“, sagt Max. Die Kinder werden entführt, müssen schuften, können fliehen, begegnen anderen Kindern mit seltsamen Eigenschaften, trennen sich, finden sich wieder, erreichen das rettende Schiff. Das alles setzt sich zusammen aus Monologfetzen. Es stehen also die ganze Zeit diese zwei Schauspieler vor den Schülern und erschaffen zwei Leben und ein Stückchen Europa.

„Ich glaube, dass in diesem Raum Geister leben, also sofern Geister leben.“ (Sibylle Berg)

Kristina Stang, Theaterpädagogin und Dramaturgin beim Jungen DT, ist ganz begeistert von dem Text: „Nicht nur, weil ich die Bücher von Sibylle Berg mag, sondern weil das Stück ganz anders ist als vieles, was als Theater für Schüler angeboten wird.“ Meistens könne man schnell erkennen, welche Absicht der Autor verfolgt. „Mobbing, Konflikte mit den Eltern, Fußball, Freundschaft, erste Liebe – zu jedem Thema, das sich in der Pubertät stellt, werden Theaterstücke geschrieben. Dieses aber verfolgt keine Absicht, es packt die Zuschauer durch die Sprache.“ Interessanterweise funktioniert es vielleicht gerade, weil es sich nicht an den Slang der Jugendlichen anbiedert. Nach der Aufführung, als die Schauspieler dann in Kleidung aus diesem Jahrtausend noch einmal vorn stehen und Kristina Stang das Publikum zum Fragen ermuntert, erkundigt sich ein Junge nach einem bestimmten Satz. Den hatte Max gesagt, als er zeitweilige Reisegefährten loswerden wollte: „Ich finde euch nicht so bereichernd.“ Das kommt an.

Das Gespräch im Anschluss gehört zu den Prinzipien der Klassenzimmer-Aufführungen. Diesmal wird ein bisschen gelobt, nach der Autorin gefragt, aber sonst nicht viel gesprochen. Kristina Stang erzählt, dass es bei der Generalprobe an der Rudolf-Virchow-Oberschule in Marzahn anders war. Da spielten sie vor einer 7. Klasse. „In der 9. gehen die Schüler nicht mehr so aus sich heraus.“ Die Lehrerin sagt entschuldigend, die Kamera des RBB, die beim Gespräch anwesend war, habe eingeschüchtert. Ihr wurde von Schülern in der Pause gesagt, dass sie das Stück selbst spielen wollen. Und ob man nicht einmal ins Deutsche Theater gehen könne?

Der Nachwuchs soll kommen

Wenn die DT-Frau das gehört hat, wird sie sich bestätigt sehen. Als das Deutsche Theater im Jahr 2009 anfing mit den Klassenzimmerstücken, sei auch gefragt worden, ob man sich nicht selbst damit Konkurrenz mache. Schließlich soll doch der Nachwuchs ins Haus kommen! Soll er ja auch, aber die Schwelle ist für viele Menschen ziemlich hoch. Nicht nur für die ganz jungen. Stang, die zuvor am Theater in der Parkaue gearbeitet hat, saß schon Lehrerinnen gegenüber, für die der Besuch mit ihrer Klasse die erste eigene Theatererfahrung war.

Das Haus in der Schumannstraße in Mitte ist vielleicht noch furchteinflößender. Wenn aber zwei Schauspieler – alle Klassenzimmerstücke haben nur zwei Akteure – mit einem Rollkoffer in die Schule kommen, sich im Lehrerzimmer umziehen, auf dem Schulklo schminken und aus dem Nichts eine Geschichte bauen, braucht niemand Angst zu haben. Respekt schon. Respektvoll sollten ja auch die Schüler miteinander umgehen, so sind die Regeln.

Junges DT: Habe ich dir eigentlich schon erzählt...
Pro Schüler kosten die Karten fünf Euro. Die Freunde des DT springen bei Geldmangel ein. Auftritt buchen unter: klassenzimmer@jungesdt.de

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

TV-Kritik
Anzeige
Videonachrichten Kultur
Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Fotostrecke
Otto Griebels Kind am Tisch

Otto Griebels "Kind am Tisch", ein undatiertes Aquarell, ist Teil des Münchener Kunstfunds bei Cornelius Gurlitt. Weitere Werke in unserer Galerie. Der Fall hebt das Thema Nazi-Raubkunst endlich auf die politische Agenda. Die Hintergründe dazu im Dossier "Münchener Kunstfund".

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Buchtipps
Anzeige
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!