Theater

05. November 2012

Deutsches Theater: Unsterblich für den Augenblick

 Von Ulrich Seidler
Die Durieux  Foto: imago/Manja Elsässer

Eine Christoph-Hein-Uraufführung am Deutschen Theater: Inge Keller, DT-Ehrenmitglied und Witwe Karl-Eduard von Schnitzlers, spielt Tilla Durieux. Unprätentiös, allürenfrei, wie selbstverständlich und ganz ohne Nostalgietremolo.

Drucken per Mail
Berlin –  

Das Leben ist episch. Ein Strom von Ereignissen, die von vorhergehenden Ereignissen bestimmt werden und die folgende Ereignisse bestimmen. Der Mensch wird mitgerissen, verschluckt und ausgespuckt. Der Wille ist seine Fähigkeit in diesem Strom zu schwimmen. Frei, also stromlos ist dieser Wille nicht, da kann man sich noch so abstrampeln. Erst in der Erzählung seines Lebens, kann der Mensch zum Subjekt werden. Das mag, so allgemein, eine Binse sein. Aber im Einzelnen, bei konkreten Biographien, kann es einen umhauen.

So weit, so feierlich. Was nun am Freitagabend bei der Uraufführung von Christoph Heins „Tilla“ geschah, war nämlich ganz und gar unprätentiös, allürenfrei und selbstverständlich, ging ganz ohne Nostalgietremolo und ohne Unsterblichkeitspathos über die Bühne. Die 88-jährige Schauspielerin Inge Keller gibt ihr 70. Bühnenjubiläum, indem sie als die Schauspielerin Tilla Durieux (1971 mit 90 Jahren gestorben) aus deren Leben erzählt. So einfach, so groß.

Paul Cassirers Geist

In Stichpunkten: Tilla Durieux als Ottilie Godeffroy1880 in Wien geboren +++ Mutter: Pianistin +++ Vater: Chemieprofessor +++ Engagements in Olmütz und Breslau +++ 1905, an Max Reinhardts Deutschem Theater Berlin +++ erste Ehe mit dem Maler Eugene Spiro +++ Arbeiter-Kulturprogramme in der Hasenheide +++ Bekanntschaft mit Rosa Luxemburg +++ Erster Weltkrieg +++ zweite Ehe mit Paul Cassirer, Kunsthändler +++ Starstatus, eine der meistgemalten Schauspielerinnen (u. a. von Renoir, Kokoschka, Slevogt, Barlach) +++ Selbsterschießung Cassirers am Tag der Scheidung − vor der Unterschrift +++ Durieux erbt Teil der Sammlung +++ dritte Ehe mit Ludwig Katzenellenbogen, Brauereidirektor (Schultheiss) +++ Mitfinanzierung der Piscator-Bühne +++ 1933 Emigration +++ Wien, Prag, Zagreb +++ 1944 Tod des jüdischen Ehemanns in Sachsenhausen +++ Leben in der Emigration als Schneiderin und Kaninchenzüchterin +++ 1952 Rückkehr nach Deutschland +++ 1970 DT-Ehrenmitglied.

Regie führte Gabriele Heinz, die Tochter von Wolfgang Heinz, DT-Intendant aus den 1960ern. Der Schauspieler Bernd Stempel (auch schon über zwei Jahrzehnte im DT-Engagement) scharwenzelt im Brokatmorgenmantel um die Diva herum, serviert Champagner und Augentropfen und erscheint zwischendurch als Paul Cassirers Geist. Gespielt wird zwar in der DT-Kammer, aber die ist mit rotem Vorhang und Seitenlogen-Imitaten als Hauptbühne verkleidet worden. Ob das weniger Aufwand war, als der Keller gleich zu geben, was ihr gebührt: nämlich das wahre und einzige Deutsche Theater? Oder ist das gar als Original-Kopie-Spiel gemeint? Alles Nebensache.

Lebensweise Lässigkeit

Hauptsache ist außer der Durieux die Keller. 1923 in Berlin geboren +++ 1942 Debüt am Kudamm-Theater +++ Engagements in Freiberg und Chemnitz +++ ausgebombt +++ Rückkehr nach Berlin +++ 1950 von Herbert Ihering ans DT geholt +++ bis 1956 Ehe mit Karl-Eduard von Schnitzler (gest. 2001), DDR-Chefpropagandist, nach der Wende u. a. Titanic-Kolumnist +++ fünf Jahrzehnte Ensemblemitglied +++ 2001 DT-Ehrenmitglied.

Vermutlich hatte Inge Keller Schwierigkeiten, den ganzen Text auswendig zu lernen, lange Passagen liest sie mit lebensweiser Lässigkeit aus dem Textbuch ab. Eben dieser Souveränität verdankt sich allerdings ein geradezu magischer Effekt: Immer mal lässt sie das Textbuch sinken und die Gedanken hängen − und erzählt weiter, als läse sie nun in ihren Erinnerungen. Das sind kleine große Verwandlungsmomente, die die Durieux in der Keller wiederauferstehen und beide für den Augenblick unsterblich werden lassen − ohne großes Aufhebens. Stehende Ovationen.

Tilla 8., 18. Nov., 5., 9., 20., 26. Dez., DT-Kammerspiele, Tel.: 28 44 12 25.

Jetzt kommentieren

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

TV-Kritik
Videonachrichten Kultur
Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Fotostrecke
Otto Griebels Kind am Tisch

Otto Griebels "Kind am Tisch", ein undatiertes Aquarell, ist Teil des Münchener Kunstfunds bei Cornelius Gurlitt. Weitere Werke in unserer Galerie. Der Fall hebt das Thema Nazi-Raubkunst endlich auf die politische Agenda. Die Hintergründe dazu im Dossier "Münchener Kunstfund".

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Buchtipps
Anzeige
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!