Irene ist die Frau eines hochangesehenen Rechtsanwalts. Nach zwölf Jahren Ehe betrügt sie ihn mit einem mittellosen Pianisten. Das beunruhigt sie selbst dermaßen, dass eine immer wieder auftauchende Erpresserin leichtes Spiel hat, von Irene immer größere Summen Geldes zu fordern. Irene steigert sich dabei in ein wahres Fieber hinein, sie wird geschüttelt von einem Rausch aus Angst, Scham und Furcht vor dem Verlust ihrer sicheren, schönen Welt, der Kinder, des Reichtums, des Ansehens. Gleichzeitig wächst die Lust an Wahrheit und Entdeckung, doch Irene ist es unmöglich, das eine, das gestehende Wort gegenüber ihrem Mann auszusprechen. Das steigert sich bis zum Selbstmordversuch und einer überraschenden Entdeckung.
Als Stefan Zweig vor genau hundert Jahren die Novelle „Angst“ schrieb, war die bürgerliche Welt brüchig geworden, steckte aber gleichzeitig fest in ihren maroden Konventionen. Zweig zelebrierte vor diesem Hintergrund das aufgewühlte Innenleben einer sensiblen, an Sorglosigkeit gewöhnten Frau. Irenes Angst war der unterdrückte Gefühlsrausch einer Welt im Untergang.
Thomas Oberender, der Schauspielchef der Salzburger Festspiele, hat sich in dieses bemerkenswerte Stück Literatur verliebt. Ihm fiel auf, dass Zweig, der lange in Salzburg lebte, nie an den Festspielen beteiligt war. So suchte er einen Regisseur, der das Unmögliche hinbekommt, aus diesem Sprach- und Emotionsstrudel eine Theateraufführung zu machen. Wie bekommt man die Angst auf eine Bühne? Jossi Wieler, designierter Chef der Stuttgarter Oper, ist kein Liebhaber aufgebauschter Emotionen, er ist ein Entdecker befremdlicher bürgerlicher Welten, ein Spezialist fürs Diffizile und ein genauer Beobachter. Die Angst, um es vorwegzunehmen, spielt bei ihm nur noch eine untergeordnete Rolle, trotzdem hat er eine intensive, eine ganz außerordentliche Aufführung geschaffen.
Die Holländerin Elsie de Brauw, schön und nicht mehr jung, ist eine überragende Irene. De Brauw spielt eine Frau, die entdeckt wie unglaublich schön die Lust, die Selbstvergessenheit, der Sex sein können. Ihr Körper streckt sich mit weit ausgebreiteten Armen den strömenden Gefühlen entgegen. Ihre Spielweise ist dagegen sachlich und handwerklich. Die Entschiedenheit ihres Ausdrucks fühlt sich so ungemein angenehm an, weil man nicht das Gefühl hat, dass einem hier falsche Emotionen verkauft werden. Man soll nicht überwältigt werden, sondern wird herausgefordert. Bravo! (Ein Moment der Irritation ergab sich daraus, dass de Brauw sich mit zunehmender Spieldauer auf die Aussprache des Deutschen konzentrieren musste und dadurch in eine Art Singsang verfiel.) Aber noch einmal: Bravo!
Irenes Mann, der Anwalt, wird dagegen Stück für Stück entlarvt. Wieler und der Ironie und Präzision unnachahmlich mischende Schauspieler André Jung sezieren diesen Mann bis nur mehr ein Wicht übrig bleibt. Er ist es, stellt sich heraus, der die Angst hat, er will, dass alles bleibt, wie es ist. Er, der weiß, was seine Frau tut, bettelt sie förmlich um ein Geständnis an, damit er ihr Verzeihen kann. Er ist so zufrieden mit sich und seiner Welt, dass jede Änderung ihm – eben – Angst macht. Er will sie behalten, koste es, was es wolle. Egal ob sie darüber seine Marionette wird, egal ob von ihm selbst nur ein seelischer und moralischer Zwerg bleibt.
Brisant wird diese Konstellation, weil man die Aufführung als das erste Porträt der neuen Happy Few verstehen kann, des neuen Geldadels, der systemrelevanten Sorglosen, der schnell grenzenlos reich Gewordenen, die nicht nur die öffentlichen Kassen leersaugen, sondern die offensichtlich immer noch mehr und mehr wollen, mehr Geld, mehr Glück, mehr Lust, mehr Freiheit. In de Brauws Spiel steckt die Erkenntnis, dass das ein grenzenloses, nie zu befriedigendes Gefühl ist, eine Sucht. In Jungs Spiel steckt die Erkenntnis, wie erbärmlich all das ist.
Wieler behandelt die Stücke wie Körper, die er zu berühren sich scheut, die er dann aber doch wie mit einem sanften Skalpell auseinandernimmt, um sich und uns neue Einblicke zu gewähren. Im Klatschen aus dem Zuschauerraum, mit dem die Erpresserin Irene Beifall zollt, steckt die Einsicht, dass wir alle fasziniert sind von der Schönheit, die uns aussaugt. Und in der Rechtfertigungsrede Irenes, mit der sie sich durch die Zuschauerreihen zwängt, steckt die tiefe Einsicht, dass wir auch noch bereit sind, die lächerlichen Sorgen der Sorglosen auf uns zu nehmen.
Diese Aufführung ist zurückhaltend und trotzdem reich. Das abstrakt-mondäne Bühnenbild von Anja Rabes, die Durchblicke und Schubladen, wo alles sein Plätzchen hat, die schwankenden Bretter, das himmelblaue Stubenmädchen, die adretten Kinder ergeben den perfekten Spielraum dieser himmlisch-morschen Welt. Selten gab es Kostüme, die so liebevoll beschreiben und gnadenlos entlarven.
Stefan Hunstein, der Liebhaber, und Katja Bürkle, Bedienstete und Erpresserin in einem, spielen mit starker Nüchternheit und Klarheit. Die halb versteckte Liebesszene am Anfang ist diskret und obszön. Kleine Körperlichkeiten wie André Jungs Beinbiegungen sind Momente großer Fragen: Möchte er sich auch in eine Lage bringen, wie sie Körper haben, die sich aneinander schmiegen? Schreit der Herr Anwalt damit nach Liebe? Oder zeigt er nur seine lächerliche Prätention? Seine armselige Hilflosigkeit?
Salzburg Landestheater: bis 6. August. Im Herbst in den Münchner Kammerspielen.