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Theater

13. Oktober 2010

Die Zukunft der Städte

 Von Stefan Keim

Klassiker und Krisenintervention: Kay Voges beginnt in Dortmund

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Smart ist er, der schlanke Mann mit der Glatze. Stolz präsentiert er seine Vorschläge, wie ein Theater des 21. Jahrhunderts aussehen könnte. Mit dem nebenan entstehenden Einkaufszentrum soll das Dortmunder Schauspielhaus zusammenarbeiten. Schauspieler stellen ihre Lieblingsläden vor, vielleicht verschenken die Geschäftsleute dann ein paar Abonnements an ihre Mitarbeiter und Stammkunden. Das ist Kreativwirtschaft nach dem Geschmack von Hendrik Feldkamp. Er nennt sich „Agent for Cultural and Economic Development“ mit dem Schwerpunkt Cultural Studies. Wo? Am Ifuk, dem Institut für urbane Kriseninterventionen.

„Stadt ohne Geld“ heißt ein Projekt, das bis Februar 2011 Ideen aufzeigen soll, wie sich in Dortmund trotz 138 Millionen Euro Haushaltsloch so etwas wie eine Stadtgesellschaft aufrecht erhalten lässt. Natürlich steht Dortmund für Bochum, Essen, Oberhausen, Köln, Bonn, Hamburg, Berlin und wie die Pleitestädte alle heißen. Aber es ist doch zunächst Dortmund. Verkäufer der örtlichen Obdachlosenzeitung führen Zuschauer durch die Stadt und zeigen die Orte, die für ihr Leben wichtig sind. Das ehemalige Theatercafé ist nun Sitz des Ifuk und präsentiert Diskussionen, Stücke und Konzerte.

Die Öffnung in die Stadt ist ein zentraler Punkt des neuen Schauspieldirektors Kay Voges. Bisher gab es in Dortmund ein literarisch geprägtes Theater, das zwar auf hohem Niveau arbeitete, aber viele ästhetische Entwicklungen außen vor ließ. Das wird nun anders, die neue Dramaturgie hat sich sofort in der Stadt vernetzt, Kontakte geknüpft, nach Geschichten und Inspirationen der Bürger Dortmunds gefahndet.

Das „Economy Death Match“, die Gala-Eröffnung von „Stadt ohne Geld“, ist eine Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Viele Beteiligte sind echt, die Verkäufer der Obdachlosenzeitung Bodo, die für ein unabhängiges Zentrum kämpfenden Aktivisten, die zwischendurch auf die Bühne stürmen.

Wie die Blase platzt

Dass Theaterleiter Voges von „Schauspielpartisanen“, dem Jugendclub, entführt und auf der Unterbühne gefangen gehalten wird, ist natürlich ein Scherz. Aber was ist mit dem Ifuk? Und seinem aalglatten Vertreter Feldkamp? „Wer hat denn schon mal gesehen, wie eine Spekulationsblase platzt?“ fragt Fabian Lettow auf der Bühne, ein Vertreter der koproduzierenden Künstlergruppen „kainkollektiv“ und „sputnic“. Er wirbelt die Begriffe durcheinander und wirbt implizit dafür, sich auf Gedankenspiele einzulassen. Nur so wird der Kopf frei.

Das Ensemble bildet einen Sprechchor und skandiert eine bemerkenswerte Textcollage aus Brecht, Koltés, Heiner Müller und vielen mehr. Dazu schlammcatchen zwei Schauspieler, der eine vertritt die Wirtschaft, der andere die Kunst. Der Kampf endet unentschieden. Das „Economy Death Match“ vereint laienhaftes Textaufsagen mit irren Performances, schräge Popmusik einer Band namens „Provinztheater“ mit Video-Fake-Dokumentationen. Die Formenvielfalt des Gegenwartstheaters hält Einzug in Dortmund.

Es ist ein geschickt, diese inhaltliche wie ästhetische Öffnung mit einem Spielplan zu verbinden, der vor allem aus Klassikern besteht. Kay Voges stellte sich mit Büchners „Woyzeck“ vor und ließ die dunkle Bühne mit tonnenweise Eis und Schnee füllen. Axel Holst verliert als Woyzeck oft den Boden unter den Füßen, er kämpft nicht nur gegen die kalte Welt, sondern mit der Absurdität des Seins. Dass es so gar keine Logik gibt, keinen Sinn, verstört ihn zutiefst. Schließlich hat er alle Werte und Orientierungen verloren. Woyzeck richtet seine Waffe auf das Publikum. Wenn der Doktor oder der Hauptmann es befehlen, wird er zum Selbstmordattentäter. Voges zeigt eine erschreckende, politisch wache Deutung des „Woyzeck“, die von hervorragenden Schauspielern getragen wird. Neben dem enorm kraftvollen Holst überzeugt vor allem Caroline Hanke als selbstbewusste, verzweifelt lebensgierige Marie.

Weniger glücklich verlief das Vorhaben des Regisseurs Marcus Lobbes, die „Perser“ von Aischylos als Diskurstheater zu inszenieren. Der Wechsel zwischen Pathos und distanziertem Hinterfragen des Textes gelang zumindest bei der Premiere nicht. Aber die Grundidee ist spannend und entwicklungsfähig. Der erste Eindruck vom neuen Dortmunder Ensemble: Die wollen, die können was. Das macht Hoffnung in einer Stadt ohne Geld.

Theater Dortmund: Woyzeck: 15. und 24. Oktober, Stadt ohne Geld: 14., 21., 28. Oktober, www.theaterdo.de

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