Diesmal, sagt Michael, soll alles ganz ruhig ablaufen. Christian dagegen, kurz nachdem er zur Tür reinkommt, beugt sich schon über den Mülleimer, um sich zu übergeben. Trotzdem betrachtet ihn Sofie, das ist Michaels Neue, als wäre er der Auferstandene: "Dein Bruder Michael sagt, du hast Ausstrahlung. Charisma, er sieht in dir eine Art Held."
Michael und Christian, das waren die beiden Brüder in "Das Fest". "Das Fest", das war der Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov, der 1998 Furore machte und mit seiner Wackelkamera zu beweisen schien, dass "Dogma 95", ein Manifest von ein paar dänischen Filmemachern, wirklich das Aufregendste war, was die internationale Kunstwelt damals programmatisch zu bieten hatte.
Michael, das war der unbeherrschte Schreihals, Christian dagegen war der Sohn, der dem Vater, der ihn als Kind missbraucht hatte, beim Geburtstagsfest ruhig und bestimmt die Stirn bot und ihn - und die Vergangenheit - so überwand. Am Ende des Festes lagen die Wunden bloß und man trennte sich für immer.
Jetzt versammelt sich die Familie wieder auf dem Familiensitz. Denn der Vater ist wirklich tot und muss unter die Erde gebracht werden, er hängt nur noch als beleuchtetes Foto an der Wand. Michael reißt sich jetzt zusammen und hat dafür Sophie, eine neue, süße Frau. Und Christian ist ja ohnehin der Held. Für einen Moment meint die Familie wirklich, neu anfangen zu können. "Das Begräbnis" heißt die Fortsetzung zum "Fest". Es ist kein Film, sondern ein Theaterstück, geschrieben von Vinterberg und Rukov, inszeniert von Vinterberg am Wiener Burgtheater daselbst. Dieser Weg ins Theater ist nur folgerichtig, hundertfach wurde "Das Fest" auf unseren Bühnen nachinszeniert, allein in diesem Monat gibt es zwei neue Aufführungen.
Die Burgbesetzung ist so exquisit, dass wir sie nur ehrfurchtsvoll abschreiben: Christian (Martin Wuttke), Michael (Oliver Stokowski), Sophie (Hanna Wokalek), Helene, die Schwester (Christiane von Poelnitz), Else, die Mutter (Corinna Kirchhoff), Pia, Christians Frau (Dörte Lyssewski), Kim, der Koch am Familiensitz (Tilo Nest) und Helge, der tote Vater (Michael König). Die Bühne ist vom Meister der schönen Klarheit, Johannes Schütz. Und die Aufführung ist ein einziges Ärgernis.
Machen wir es kurz: Das Licht fällt aus, und Christian, Christian der Held, sieht Michaels 13-jährigen Sohn Henning gerade noch in der Dusche und macht sich dann unsittlich über ihn her. Wow, das nennen wir doch mal eine kühne Wendung! Das Opfer wird zum Täter! Er steht unter dem Zwang alles Schöne zu zerstören, erklärt uns Michael bald. Als der neue Missbrauchsfall rauskommt, beruhigt sich die Familie gegenseitig, ertränkt das Elend im Alkohol und redet auf Henning ein, während der untote, tote Papa Weisheiten über die Bedeutung der Sexualität für das menschliche Leben im Allgemeinen verbreitet.
Das geht so: Der gerade zu Grabe getragene Stammvater und Obermissbraucher sagt der einschlafenden Sophie, sie solle zwischen ihre Beine fassen und den Finger reintun, was die unter der Decke auch brav macht. Um dabei dann stöhnend zu spüren, wie warm ihr wird, wie umfassend die Macht des Sex ist und wie sie sich danach schämt. Aha, so ist das also mit dem Sex und dem Missbrauch, alles eins, alle tun es irgendwie, sagt uns die Szene.
Genauso holzschnittartig, klischeehaft und grobmotorisch dumm ist der Umgang mit Farbigen aus Afrika, für die Helene ein spezielles Faible hat. Wenn sie gerade mal nicht ihre Kinder schlagen, schlagen sie in diesem Stück auf ihre Bongos ein oder lecken Muschis. So ist das also. Alle anderen Figuren bebildern bestenfalls ein Psychologielehrbuch. Pia etwa, die Serviererin im Familienbesitz war, bevor Christian sie geheiratet hat, Pia hält jetzt auch wieder brav das Tablett mit den Schnäpsen hin. Und zwar so lange, bis sogar sie merkt, in welcher Rolle sie da steckt. Ach, es kommt doch niemand raus, aus seiner Haut. Wie der arme Christian!
Am schlimmsten ist der unbedarfte, schlichte, spekulative Umgang mit dem Thema Missbrauch. Das ist so ausgedacht, dass man die Vermutung hegt, dass es schon beim "Fest" die hektisch-authentische Wackelkamera gewesen sein muss, die uns von einer abstrusen Geschichte überzeugte. Man sieht jetzt förmlich, wie da zwei Drehbuchautoren zusammensitzen und sich fragen, wie man die Geschichte möglichst aufregend weiterdrehen kann. Man sieht, wie der Missbrauch missbraucht wird, um einen Aufreger zu haben.
Dazu macht Vinterberg dann so verstaubtes Theater, wie man es so nicht mal in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kannte. Um diese Dramaturgie zu verorten, muss man schon weiter zurückgehen. Mindestens hinter Ibsen, der aber was von Psychologie verstand. Und der in einer Welt lebte, in der es wirklich verdrängte Themen gab. Vielleicht meinte ja schon "Dogma 95" nicht 1995 sondern 1895 oder 1795. Vom avancierten Film in den 1990ern direkt ins altbackene Theater in den 20-Zehnern, das muss man jedenfalls erstmal hinbekommen. Leitmotiv ist übrigens ein kurzer Satz, der gleich zu Anfang von Michael gesagt wird: "Verdammt noch mal." Ja, verdammt, musste das noch mal sein, fragt der gequälte Sequelbetrachter. Manchmal sagen sie, die Schauspieler, dann auch "Verdammte Scheiße" oder "Das ist so eine verdammte Scheiße".
Burgtheater, Wien: 10., 11., 16., 31. März. www.burgtheater.at