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Don Karlos: Erde ohne Himmel

Viel Spanien, wenig Schiller: Der Meister der Erregung, Calixto Bieito, inszeniert in Mannheim "Don Karlos". Von Peter Michalzik

Eines muss man Calixto Bieito lassen - das Theater mit Emotionen aufladen, das kann der Regisseur aus Barcelona nun wirklich wie kein anderer. Er ist der Meister der Erregung, er legt und presst in seine Aufführungen, was kaum in einen Kopf passt, Musik, Bild, Spiel und Wort drängen aufgeladen von der Rampe ins Parkett wie der verwundete Stier an den Torero. Eine wilde Flut rast auf den Zuschauer zu, und wenn er manchmal nicht den Kopf einzieht, dann bringt ihn das momentweise ziemlich sicher um den Verstand.

"Don Karlos" hat sich Bieito vorgenommen, Schillers deutsch empfundenes und spanisch duftendes Freiheitsdrama, in spanischer Sprache mit Schauspielern aus seinem Teatre Romea, Premiere in Mannheim, zur Eröffnung der Schillertage - dann geht die Aufführung nach Madrid und Barcelona; in Deutschland wird man sie leider nicht mehr sehen können. Ein riesiges Gewächshaus ist dieses Mannheimer Spanien und Philipp II., der König, in dessen Reich die Sonne nicht untergeht, sieht mit seinem Kaschmirpulli aus wie ein distinguierter madrilenischer Immobilienspekulant, der in den Mußestunden seine Pflänzchen zurechtstutzt.

Zentrum der Aufführung ist sein Sohn, Don Karlos. Dessen Freund, der Marquis von Posa (spanisch Possa) kann gar nicht so schnell seine Freiheitsideale für die flandrischen Provinzen vortragen und ihn torerolike herausfordern, wie Karlos sich vor ihm in seinem Stahlkäfig verkriecht. Er nuckelt lieber an einer Puppe aus Lappen und hält den Frauen noch lieber seinen entkleideten Pimmel hin. Elisabeth, seine Mutter, die er als Frau liebt, berührt ihn am Anfang denn auch einmal mit der Fingerspitze, mehr ein Scherz über die Skandallust bei Bieito-Inszenierungen als unsittliches Schniedeltheater. Was sich wie eine Vulgärversion der vielen infantilen Ödipal-Karlosse anhört, wird durch den großartigen Schauspieler Ruben Ochandiano ein sehr heutiger Jugendlicher: liebesbedürftig, spontan, lebendig und trotzdem emotional vollkommen überfordert. Ochandiano wirbt erfolgreich um das deutsche Publikum, "I wanna hold your hand", sagt er gleich zu Beginn, und Karlos kann doch nichts damit anfangen, so wie er Elisabeths nackte Brust berührt und ihr trotzdem nicht nahe kommt.

Düster und verwüstet ist Bieitos Spanien. Schillers komplizierte Motivationen und Intrigen interessieren ihn nicht, Ausloten und Abwägen sind Bieitos Sache auch nicht, aber fast wollüstig gibt er sich der Zeichnung von Unterdrückung und Repression hin. Bieito erzählt mehr von Spanien als von Schiller. Er konzentriert sich auf die zentralen Stellen, in knapp zwei Stunden gibt es die "Karlos"-Highlights, ein "Best of Schiller" sozusagen, dazu viel Corrida und Torero, Sevillana und Pasodoble.

Haltung und Bewegung haben sie einfach drauf, diese Spanier. Wie sie stolz und strahlend durch die finstere Bühne zirkeln, hat schon Schauwert genug. Bieito ist der Schaulust sowieso vollkommen ergeben. Wenn die Eboli und Elisabeth sich intensiv küssen, und dabei die aufgestellten Reifröcke die Beine freigeben, dann ist das wenig instruktiv, sieht aber verdammt gut aus.

Bieito inszeniert sehr direkt, die Stones erklären noch einmal ihre Zuneigung zum Teufel, und Barockmusik lastet auf diesem Hof. Klar ist das eklektizistisch, wenn einer eine Ansammlung der Mittel des Regietheaters sucht, zwischen Gabelstapler und Rampenspiel, dann findet er sie hier. Zucken, Seufzen, Stöhnen, vor dem großen Dialog mit Posa sitzt Philipp unter seinem Gartenarbeitstisch und schreit "Gib mir einen Menschen", als wenn er Karlos selbst wäre. Am Ende macht Elisabeth aus Karlos einen Selbstmordattentäter. Immer weiter, immer mehr. Diese Aufführung ist so maßlos wie Real Madrid und so lebendig wie der FC Barcelona.

Letztendlich wird daraus eine große Vision. Wenn sich zwei nackte, erdverschmierte Leichen aus der Gartenerde erheben und zeitlupengleich bewegen, dann wird deutlich, was als Subtext von Anfang an zu ahnen war: Dieses Spanien ist bei aller Erregung ein Land erschöpfter Gefühle. Und die Aufführung ist ein opulent zelebrierter Gottesdienst in einer Welt ohne Himmel.

Autor:  PETER MICHALZIK
Datum:  22 | 6 | 2009
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