Was für ein komplexes wie zugleich sinnliches Klang-Panorama hat Arnold Schönberg aus einer Zwölftonreihe aufknospen lassen! Polyphone Kräfte zerren da an der polychromen, unter Hochdruck stehenden Espressivo-Welt, ständig werden neue Lunten zwischen den einzelnen Orchestergruppen gelegt. Im Vokalen reicht der Bogen vom belcantistisch-melismatischen Glühen bis zu einer grellen Gereiztheit in der Chor-Totalen.
Schönbergs Oper "Moses und Aron" ist musiksprachlich auch nach mehr als 70 Jahren ihrer Unvollendung immer noch eine Herausforderung, für Hörer wie für jedes Musikerteam. Der geistige und körperliche Aufwand mag daher auch der Grund gewesen sein, dass Schönbergs 1937 endgültig zur Seite gelegter Torso spät kompetente Sachverwalter fand. Erst 1954, drei nach Jahre nach Schönbergs Tod, wurde er in Hamburg von Hans Rosbaud konzertant uraufgeführt. Bevor 1968 eine Inszenierung an der Düsseldorfer Oper dem Werk halbwegs den Weg auf die Spielpläne ebnete.
41 Jahre später ist es Regisseur Christof Nel, der an der Rhein-Oper jetzt den Zweiakter herausgebracht hat. Doch so vordergründig puristisch er sich auf die alttestamentarische Geschichte vom Brüderpaar Moses und Aron eingelassen hat: Er hat nur die Oberfläche des schwer verdaulichen Librettos von Schönberg angekratzt.
Dabei spiegelt sich in dem Handlungsdrama von der Erlösung der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft nicht nur das zeitlose Konfliktpotential von falschen und echten Göttern wider. In dem Kontrast von Moses, dem gedankenfixierten Diener Gottes, und dem Pragmatiker Aron, der sich die Kraft des verführenden Bildes zunutze machen will, bietet sich auch angesichts der kunterbunten Macht der Medien mehr als nur ein Aktualitätsbezug an.
Bei Nel jedoch verwandelt sich die Oper in ein auf dezent modern getrimmtes Oberammergau-Oratorium, bei dem es vor hermetischen Palastmauern (Bühne: Roland Aeschlimann) nur Schwarz und Weiß gibt.
Unter der ägyptischen Knute ist das Volk Israel zur uniformen Sekte verkommen, bei der die Frauenröcke sittsam das Knie bedecken. Kaum taucht aber Aron mit seinen Taschenspielertricks auf, hängen die Hemden aus der Hose, verwandelt man sich in eine wilde, lüsterne Meute.
Die Darstellung von gehirnwaschenden Prophetien und Heilsversprechungen entpuppt sich da als genauso banal wie das monumentale Schlussbild, wenn der riesige Chor ein flehendes Händemeer gen Himmel reckt. Erlöserqualitäten besitzen glücklicherweise nicht nur die phänomenal eingestellten, sich von den kontemplativen Momenten in klangmächtige Regionen hinaufschraubenden Mitglieder des hauseigenen Chors.
Auch die Düsseldorfer Symphoniker verblüffen unter der Leitung von Wen-Pin Chien mit der nötigen Kondition, um alle Details der Partitur, ihre rhythmische Straffheit und aggressive Unberechenbarkeit plastisch zu konturieren. Michael Ebbecke als dauergeduckter Moses sorgt immerhin für baritonale Intensitätsskalen zwischen Balsam und Attacke, Wolfgang Schmidt als biederer Rattenfänger Aron dagegen geriet nicht nur einmal an seine stimmtechnischen Grenzen.
Opernhaus Düsseldorf, 28. März, 2., 5., 9., 11. April