Fünf Bildschirme, unbewegte Gesichter. Dazwischen ein Schauspieler aus Fleisch und Blut. Auch er schaut unablässig in eine Kamera im Rücken des Publikums. Die Zuschauer sitzen auf sechs schwarze Boxen verteilt auf der Bühne des kleinen Hauses im Düsseldorfer Schauspiel. Jede Gruppe schaut einem Schauspieler direkt ins Gesicht, die anderen sind als Videoinstallation präsent. Nach einer halben Stunde wechseln die Besucher die Boxen. Kathrin Röggla erzählt in ihrem neuen Stück "Die Beteiligten", wie das Opfer eines Gewaltverbrechens in die Mühlen der Mediengesellschaft gerät. Und so erneut zum Opfer wird.
Natascha Kampusch, die Frau die als Zehnjährige entführt wurde und acht Jahre später aus ihrem Gefängnis entkam, ist das unsichtbare Zentrum des Stückes. Nicht als Person, sie tritt nicht auf, sondern als Fall, als Auslöser einer perversen Maschinerie. Ein Team hat sich um sie gebildet, das Betreuung vorgibt, Interesse heuchelt, doch jeder Einzelne verfolgt sein eigenes Interesse. Der "Möchtegernjournalist" will ihre Geschichte ebenso ausbeuten und dadurch Karriere machen wie "der professionelle Fan", eine junge Frau, oberflächlich ganz Verehrung und Hingabe, doch im Inneren eiskalt. In den Augen des "Quasifreundes" (Pierre Siegenthaler) glüht von Anfang an eine mühsam beherrschte Wut, im starren Blick der "Pseudopsychologin" (Claudia Hübbecker) liegt sogar leiser Wahnsinn. Sie belauern ihr Opfer wie Raubtiere. Kathrin Röggla lässt alle in indirekter Rede, im Konjunktiv, sprechen. Alle sind auf das fremde Ich fixiert, und als diese Frau sich anders verhält als sie wollen, werden sie böse. Schließlich wird es dunkel, die Texte laufen weiter, unhörbar fahren die Wände hoch. Das Licht geht wieder an, der Raum ist offen. Die Darsteller lösen sich von ihren Plätzen, brüllen, schimpfen, sind wieder auf ihr eigenes Dasein zurück geworfen. Doch in diesen Medienmonstern ist nur Leere. Schließlich fährt die letzte Wand hoch, die zum Zuschauerraum. Die Schauspieler setzten sich hinein und betrachten das Publikum. Sie wittern neue Opfer, mit Geschichten, die sie verwerten können.
Regisseur Stephan Rottkamp hat zum lange Zeit desaströsen Erscheinungsbild des Düsseldorfer Schauspiels beigetragen. Nun ist ihm zusammen mit Robert Schweer (Raum- und Videoinstallation) eine ausgezeichnete Inszenierung gelungen. Die "Beteiligten" sind nicht nur die Pseudos und Möchtegerns auf den Bildschirmen, sondern ebenso die Zuschauer, die all diesen Wahn erst ermöglichen. Ohne eine starke Inszenierungsidee wäre Kathrin Rögglas Text zwar konsequent, aber auf Dauer eindimensional. Die Düsseldorfer Performance mit einem durchweg starken Ensemble gibt ihm eine Dringlichkeit, der man sich kaum entziehen kann.
Das Niveau steigt in Amelie Niermeyers dritter Spielzeit. Inzwischen bedauern viele, dass sie ihren Vertrag nicht verlängern will. Nach Karin Neuhäusers wunderbarer Horváth-Inszenierung "Kasimir und Karoline" überzeugt auch Andreas Kriegenburg mit "Kabale und Liebe". Friedrich Schillers Trauerspiel bringt er auf eine helle, weiße, reine Bühne. Flatternde Vorhänge ermöglichen organische Wechsel ins Puppen- und Schattenspiel. Schillers Texte verzahnen die Schauspieler völlig natürlich mit eigenen Worten und bleiben auch in wilden Improvisationen stets beim Kern der Rolle. Sie wolle einen Metzger heiraten, brüllt die impulsive, mutige, unglaublich direkte Janina Sachau als Luise einmal. Er solle ihr zwanzig Kinder machen, und sie wolle sie nach Wurstsorten benennen. Man lacht und würgt gleich daran, denn sie versucht sich mit aller Macht, den unerreichbar scheinenden Geliebten aus der Seele zu reißen. Es gelingt nicht, sachte nach Ferdinand (Daniel Christensen) rufend verschwindet sie in den weißen Vorhängen.
Den Intriganten Wurm spaltet Kriegenburg auf zwei Schauspieler auf. Wie ein shakespearesches Narrenpaar zupfen Daniel Graf und Thimo Schwarz sich gegenseitig an den Anzügen herum, schmachten nach Luise, proben eine gemeinsame Liebeserklärung. Die Wurms sind Außenseiter, Chancenlose, und nur deshalb gemein, weil sie sonst völlig bedeutungslos wären. Mit Matthias Leja als hemmungslos zynischem Präsidenten und Katrin Röver als weiblich besetztem Hofmarschall von Kalb bedient Andreas Kriegenburg die Satire, zeigt allzeit beißbereite Wirtschaftswölfe von heute. Um politische Hintergründe geht es ihm weniger, doch das muss auch gar nicht sein. Denn "Kabale und Liebe" ist eine wilde Kolportage, die plötzlich in die große Tragödie wechselt, Bühnengroschenroman und tiefe Seelenstudie. Kriegenburg bringt das bürgerliche Trauerspiel unverschämt unterhaltsam auf die Bühne, dabei intelligent und immer wieder ergreifend. Am Ende spürt Ferdinand nichts vom Gift. Luise stirbt, er bleibt lebendig, allein und unerlöst. Die Klagen der Väter sind gestrichen, die Verlorenheit der Kinder tut richtig weh.
Die Beteiligten: 27. April, 2., 3., 16., 17. Mai kleines Haus Kabale und Liebe: 2., 3., 6., 15., 19., 26. Mai großes Haus